Stand: 03.10.2017 17:04 Uhr

Verfolgte Kurdenpolitiker zurück im Norden

von Karaman Yavuz und Torben Börgers

Seit dem gescheiterten Putsch vor einem gut einem Jahr wurden in der Türkei Dutzende Zeitungen, Fernsehsender und Radiostationen geschlossen sowie mehr als 100.000 Beamte vom Dienst suspendiert - vor allem Kurden und Oppositionelle. Besonders im Fokus: die pro-kurdische Partei HDP, die Präsident Erdogan für den parlamentarischen Arm der verbotenen Arbeiterpartei PKK hält. Seit die türkischen Behörden anfingen, Bürgermeister der HDP zu verhaften und ihre Gemeinden unter Zwangsverwaltung zu stellen, hat der Konflikt eine neue Stufe erreicht. Einige der Betroffenen lebten vorher in Deutschland und kommen nun zurück.

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Wiedersehen nach zwei Jahren: Burhan Kocaman und sein Sohn Aden.

Am Flughafen Hamburg tippelt der neunjährige Aden nervös von einem Fuß auf den anderen. Zwei Jahre hat er auf diesen Moment gewartet. Gleich wird er seinen Vater wiedersehen. Burhan Kocaman war in die Türkei gegangen, um Bürgermeister seiner Geburtsstadt zu werden. Dann wurde er festgenommen - wegen angeblicher Kontakte zur verbotenen PKK. Zu Fuß und mit Pferden floh er über die Berge der Ost-Türkei nach Erbil im Nord-Irak. Dort hat ihn das deutsche Konsulat in ein Flugzeug gesetzt, das gerade gelandet ist.

Für das Bürgermeisteramt ließ Kocaman sein altes Leben zurück

Karakocan ist eine staubige Kleinstadt im Osten der Türkei. Dort wurde Burhan Kocaman 2014 demokratisch gewählt - ein angesehener Mann. Das Amt: eine Herzensangelegenheit - für die er damals sogar seine Frau und die vier Kinder in Deutschland zurückließ und seinen Job in einem Elektronikladen in Altona aufgab.

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Türkischer Bürgermeister flieht nach Hamburg

NDR 90,3 -

15 Jahre lebte Burhan Kocaman in Hamburg, bevor er zurück in die Türkei ging und Bürgermeister seiner Heimatstadt wurde. Nun wird er verfolgt: Seine Partei ist die kurdische HDP. Er wurde verhaftet, flüchtete aber und ist wieder in Hamburg.

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"Erdogan hat die Türkei kaputtgemacht"

Vor gut einem Jahr ließ die türkische Regierung Kocaman vor laufenden Fernsehkameras festnehmen. Die Vorwürfe streitet er ab. Seit dem gescheiterten Militärputsch im vergangenen Sommer geht Präsident Erdogan noch stärker gegen die kurdische Minderheit vor. "Erdogan hat die Türkei kaputtgemacht. Die türkische Demokratie, türkische Menschenrechte", sagt Kocaman.

In Deutschland Friseurin, in der Türkei eine Legende

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Einst war Leyla Imret die jüngste Bürgermeisterin der türkischen Geschichte. Dann sollte ihr der Prozess gemacht werden.

Nach Angaben der pro-kurdischen Partei HDP können nur noch 10 von 102 gewählten Bürgermeistern in den kurdischen Gebieten ihr Amt ausüben, alle anderen wurden entlassen oder gar festgenommen - so wie Leyla Imret. Die heute 28-jährige Bremerin war bis zu ihrer vorübergehenden Verhaftung vor einem Jahr die jüngste Bürgermeisterin in der Geschichte der Türkei, gewählt mit 83 Prozent der Stimmen. Kurz bevor ihr der Prozess gemacht werden sollte, tauchte sie unter und floh. "Ich weiß, dass es schwer ist in der Politik in der Türkei. Man kann erschossen werden als Politikerin hier. Aber ich würde niemals aufgeben", sagt Imret. In Deutschland hatte sie als Friseurin gearbeitet, in der Türkei ist sie schon jetzt eine Legende.

Kocaman will unbedingt zurück

Zwei Tage nach der Rückkehr: Burhan Kocaman begrüßt seinen Sohn, der gerade von der Schule nach Hause gekommen ist. Nächsten Monat sollte dem Familienvater in der Türkei der Prozess gemacht werden. Weil ihm eine langjährige Haftstrafe drohte, entschloss er sich zur Flucht. So groß die Freude über das Wiedersehen mit seiner Familie, so traurig ist für ihn der Gedanke an diejenigen, die er in seiner kurdischen Heimat zurückgelassen hat. "Leute warten jetzt auf mich", sagt Kocaman. "Wann kommt unser Bürgermeister", würden sie sich fragen. Er selbst stelle sich die gleiche Frage: "Wann kann ich zurück nach Karakocan?"

Fürs Erste kann Burhan Kocaman in Hamburg bleiben. Die deutschen Behörden haben ihm einen vorläufigen Ausweis ausgestellt. Sollte es die politische Lage wieder erlauben, würde er am liebsten zurück in den Osten der Türkei - zu den Leuten, die ihn brauchen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 04.10.2017 | 09:50 Uhr

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