Stand: 23.10.2017 09:12 Uhr

"Viele Kinder erleben Armut als Dauerzustand"

Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland lebt laut der Bertelsmann Stiftung länger als fünf Jahre in armen Verhältnissen. Die Stiftung beruft sich auf eine von ihr in Auftrag gegebene Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. "Es zeigt sich, dass ein Großteil der Kinder, die Armut erleben, das als einen Dauerzustand erleben", sagte Projektleiterin Anette Stein auf NDR Info zu den Ergebnissen der Studie.

Ein kleines Mädchen mit einer Puppe im Arm.

Studie: Viele Kinder leben dauerhaft in Armut

Nordmagazin -

Erstmals haben Forscher untersucht, wie sich Armut in Familien über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt. Demnach lebt jedes fünfte Kind in Deutschland dauerhaft in Armut.

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Neu sind Stein zufolge die Erkenntnisse der Bertelsmann Stiftung hinsichtlich der Dauer der erlebten Armut. Die Forscher werteten Daten von mehr als 3.000 Kindern über einen Zeitraum von fünf Jahren aus und konnten so nachvollziehen, wie sich die Einkommenssituation in ihren Familien in dieser Zeit änderte. Demnach war Armut für zehn Prozent der Kinder ein kurzzeitiges Phänomen, für 21 Prozent allerdings ein dauerhaftes.

Unter Armut versteht Stein zum einen, dass eine Familie staatliche Grundsicherung bezieht. Zum anderen bezieht der Begriff der Armut ihrer Ansicht nach alle Familien mit ein, deren Grundeinkommen unterhalb von 60 Prozent des mittleren Durchschnittseinkommens liegt. "Beide Definitionen sind Grundlage für die Studie."

Kinderarmut bedeutet Verzicht

Ein Junge versteckt sein Gesicht. © Imago/Blickwinkel

Studie: Kinderarmut ist oft Dauerzustand

NDR Info - Aktuell -

Armut schließt Kinder von Bildung und Kultur aus und verbaut ihnen Chancen. Was würde helfen? Anette Stein, Projektleiterin bei der Bertelsmann Stiftung, im NDR Info Interview.

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Laut Projektleiterin Stein bedeutet Armut in Deutschland in der Regel nicht, dass die existenzielle Grundversorgung fehlt. "Arme Kinder sind aber vom gesellschaftlichen Leben vielfach ausgeschlossen. Sie haben insgesamt schlechtere Chancen für ein gutes und gesundes Aufwachsen", sagte Stein. Betroffene müssen der Stiftung zufolge auf vieles verzichten, etwa auf eine ausreichend große Wohnung, auf einen Computer mit Internetanschluss oder eine Waschmaschine. Auch sei es Kindern in Armutsverhältnissen oft nicht möglich, Freunde zu sich nach Hause einzuladen.

In der Folge seien sie von sozialen und kulturellen Aktivitäten häufig ausgeschlossen. Außerdem kann Kinderarmut der Studie zufolge auch für gesundheitliche Nachteile und schlechte Leistungen in der Schule sorgen. Stein sagte, wer so früh bereits belastet sei, der habe auch schlechte Chancen im späteren Leben. "Ein schwieriger Schulverlauf wirkt sich natürlich unmittelbar auch auf spätere Möglichkeiten in der Ausbildung und Berufsfindung aus."

Stein: Die Politik muss umdenken

Laut Projektleiterin Stein ist ein grundsätzliches Umdenken in der Familien- und Sozialpolitik notwendig, um die Vererbung von Armut zu durchbrechen. Zum einen müsse systematisch und regelmäßig erfasst werden, was Kinder in ihrem Alltag benötigen, um am sozialen Leben teilhaben zu können. "Das haben wir bisher nicht. Wir tun so, als wären das kleine Erwachsene und rechnen die Beträge entsprechend runter. Aber das funktioniert ganz offensichtlich nicht."

Außerdem fordert Stein eine Bündelung aller bisherigen familienpolitischen Leistungen, die ihrer Ansicht nach oft undurchsichtig sind. "Damit kann armen Kindern unbürokratisch geholfen werden." Die Projektleiterin der aktuellen Studie verlangt darüber hinaus eine gesunde Infrastruktur vor Ort, etwa in Form guter Bildungs- und Freizeitangebote, aber auch in Form passgenauer Unterstützung der Familien.

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