Stand: 05.01.2016 16:07 Uhr

Schluss mit der Wegschaukultur!

Noch am Neujahrstag bilanzierte die Kölner Polizei eine ruhige und friedliche Silvesternacht. Doch Hunderte alkoholisierte junge Männer - augenscheinlich aus Nordafrika - sollen sich in dieser Nacht am und im Kölner Hauptbahnhof kriminell zusammengerottet und dort Frauen sexuell belästigt, bedrängt und beraubt haben. Auch aus Hamburg gibt es entsprechende Berichte und Anzeigen. Und nun? Fremdenfeinde sind der Meinung, jetzt einen Beleg zu haben für ihre Vorurteile. Und sie wollen auch schon wissen, dass Polizei, Politik und Medien das Geschehen vertuschen wollten. Wie steht es um die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum - mit oder ohne Migranten darin?

Ein Kommentar von Sabine Henkel, WDR-Hörfunkredakteurin

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Pauschalverurteilungen haben in Deutschland genauso wenig ihren Platz wie Männer, die Frauen als Ware betrachten, schreibt Sabine Henkel.

Die Übergriffe von Männerhorden auf Frauen in Köln haben auch etwas - Achtung - Gutes! Ja, richtig gehört. Gut ist, dass den Opfern geglaubt wird. Einfach so. Ohne Nachfrage, wie sonst so oft. Ob sie, die Frauen, denn nicht vielleicht auch irgendwie selbst Schuld haben könnten und so weiter und so fort. Nein, diesmal der Aufschrei durch Polizei und Politik: Frauen wurden sexuell belästigt! Unmöglich. Das ist ohne Zweifel ein Kollateralgewinn dieser abscheulichen Vorfälle.

Sexuelle Gewalt, Gewalt generell gegenüber Frauen ist abscheulich. Etwa 90 Anzeigen liegen vor, von Frauen, die eine furchtbare Silvesternacht erleben mussten. Mitten in Köln spielten sich Szenen ab, wie wir sie nur aus Albträumen kennen. Nicht nur auf der Hamburger Reeperbahn, sondern vor allem im Schatten des Doms haben Männerhorden Frauen auf abscheuliche Weise bedrängt und sexuell belästigt.

Jetzt sind alle aufgewacht

Wer das war? Das weiß noch keiner so genau. Dunkler Hautfarbe sollen sie sein und irgendwie arabisch oder afrikanisch aussehen. Das reicht also für den landesweiten Aufschrei. Übergriffe von Betrunkenen an Karneval, auf dem Oktoberfest - egal bisher, alles Einzelfälle. Jetzt aber sind alle aufgewacht. Und das ist gut so. Dass Männer sich zusammenrotten und Frauen als Freiwild betrachten, sie respekt- und schamlos angreifen: widerlich! Diejenigen, die das getan haben, gehören überführt und verurteilt. Eine andere Antwort gibt es darauf nicht.

Was aber keinesfalls passieren darf ist, dass die Diskriminierung von Frauen die Diskriminierung von sämtlichen Flüchtlingen zur Folge hat. Und die Gefahr besteht nicht nur, sie ist greifbar. Rechtsextreme haben nur auf Vorfälle dieser Art gewartet und rufen zu Rachefeldzügen auf. Populisten klopfen sich auf die Schultern, sie haben es ja schon immer gewusst.

Selbst ernannte Frauenverteidiger wollen nur hetzen

Beim Lesen mancher Twitter- und Facebook-Einträge wird mir übel. Diesen selbst ernannten Frauenverteidigern mit ihren rechtsradikalen Parolen geht es doch gar nicht um die Opfer, sondern um Hetze. Pauschalverurteilungen haben in diesem Land genauso wenig ihren Platz wie Männer, die Frauen als Ware betrachten. Deshalb muss die Justiz konsequent vorgehen, um Frauen zu schützen, aber auch die Flüchtlinge, die hier friedlich leben wollen und die solche Übergriffe genauso verabscheuen wie wir.

Schluss mit der Wegschaukultur - und zwar konsequent. Frauen werden in diesem Land respektiert, das gilt es zu vermitteln. Und zwar allen und jedem, ganz gleich welche Hautfarbe er hat.

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NDR Info | Kommentare | 05.01.2015 | 17:08 Uhr

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