Stand: 30.03.2016 21:07 Uhr

Opfer von extra 3: Erdogan ist nicht allein

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Extra-3-Moderator Ehring: "Erdogans Forderung nach Zensur ist absurd."

Das Satiremagazin extra 3 ist mit dem Song "Erdowie, Erdowo, Erdogan" in aller Munde: Innerhalb von zwei Tagen stieg die Zahl der Aufrufe des Videos bei YouTube von einigen Tausend auf über drei Millionen. Der Erfolg ist vor allem dem kritisierten türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu verdanken. Mit seinem Versuch, das Video verbieten zu lassen, erreichte er das Gegenteil. Inzwischen schaltete sich auch die Bundesregierung in den Streit ein. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte: "Ich finde, dass wir von einem Partnerland der Europäischen Union erwarten können, dass es unsere gemeinsamen europäischen Werte teilt."

Wütende Reaktionen gab es schon oft

Kein anderer extra-3-Beitrag sorgte in der jüngeren Vergangenheit für ähnlich großen medialen und politischen Wirbel, wie Redaktionsleiter Andreas Lange NDR.de sagte. Doch auch vor dem Erdogan-Coup eckte das Satiremagazin schon oft kräftig an. Die Folge: wütende Zuschauerpost und geharnischte Kommentare in den sozialen Medien - sogar mit der Androhung von Gewalt gegen die Redaktion.

Diese Videos sorgten für besonders viel Aufregung:

  • Song über die polnische Regierung

    Der nationalkonservative Parteichef Polens verbittet sich zwar stets jegliche Kritik aus Deutschland, aber ein Lied von extra 3 wird ja wohl noch erlaubt sein: Zu sehen ist in dem Video "Ein Lied für Polen" unter anderem, wie Jaroslaw Kaczynski als Comicfigur in einem Gerichtssaal wütet. Dazu heißt es: "Man tritt alle kritischen Richter zurück, setzt eigene ein, Schergen bringen Glück. Hier in Polen. Der Wicht hat's befohlen." Nach Ausstrahlung des Beitrags Anfang 2016 beschweren sich zahlreiche Polen, die in Deutschland leben, über den Spot.

    Schergen bringen Glück.

    Ein Lied für Polen

    extra 3 -

  • Caro Korneli bei Pegida

    Extra-3-Reporterin Caro Korneli nimmt im Oktober 2015 in ihrem Beitrag "Willkommen in Dresden" Teilnehmer einer Pegida-Demo auf den Arm. Sie spricht in die Kamera: "Sie stammen aus Orten, deren Namen oft Chiffren für den Terror geworden sind: Nauen, Freital, Heidenau ..." Anschließend melden sich zahlreiche Pegida-Anhänger bei der Redaktion und bezeichnen die Berichterstattung als "Lügenpresse".

    Caro Korneli mit einem PEGIDA-Anhänger.

    Caro Korneli: Willkommen in Dresden

    extra 3 -

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  • Caro Korneli bei Demo von Besorgte Eltern

    Das Bündnis Besorgte Eltern demonstriert gegen den "moralischen Verfall unserer Gesellschaft". Reporterin Caro Korneli versucht, die wahren Ansichten der Gruppierung zu enttarnen und findet heraus: Die Besorgten Eltern verbreiten Slogans wie "Schwule sind heilbar". Nach der Ausstrahlung melden sich viele Bürger mit dem Hinweis, dass sie die Meinung der Besorgten Eltern durchaus teilten. Die Sendung würde sie "verarschen".

    Caro Korneli mit "besorgten Eltern".

    Caro Korneli bei den Besorgten Eltern

    extra 3 -

  • Schlegl in Aktion: Schwamm drüber!

    Nach den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche fordert Tobi Schlegl im März 2010 bei extra 3: "Schwamm drüber!" - und zieht als Priester verkleidet mit Plakaten durch Osnabrück. Über die Dreharbeiten sagt Schlegl: "In dieser Kluft ist man wirklich kein Sympathieträger". Er sei noch nie "so derbe beschimpft" worden wie bei der Aktion. Nach der Sendung beschwert sich die katholische Kirche beim NDR Rundfunkrat. Dieser weist die Beschwerde aber zurück.

    Schlegl in Aktion: Mit dem Riesenschwamm vor die katholische Kirche. Freunde der katholischen Kirche fordern: Schwamm drüber!

    Schlegl in Aktion: Schwamm drüber!

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  • Schlegl beim Bund der Vertriebenen

    Über 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hofft Tobi Schlegl auf Kulanz und verteilt im Jahr 2008 beim Bund der Vertriebenen T-Shirts mit der Aufschrift "Weggegangen, Platz vergangen!" Der Verband beschwert sich prompt bei der Redaktion, extra 3 würde das Anliegen des Bundes der Vertriebenen in Verruf bringen.

    Wand mit Wappen beim Tag der Heimat 2008

    Schlegl in Aktion: Bund der Vertriebenen

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  • Schlegl in Aktion - ProAtom

    Atomstrom ist billig - und den Müll bringen wir auch noch irgendwo unter. Guter Deal, oder? Tobi Schlegl überredet im Jahr 2008 etliche Einwohner von Pinneberg, Atommüll bei sich zu Hause zu lagern. Als Gegenleistung würden sie den Strom um die Hälfte günstiger bekommen, verspricht Schlegl.

    Schlegl in Aktion: ProAtom

    Schlegl in Aktion: ProAtom (CC-Lizenz: BY-NC-ND 2.0 DE)

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  • Schlegl macht die SPD dicht

    Nachdem die Regierungsträume der SPD in Hessen im Jahr 2008 jäh beendet werden, setzt sich Schlegl für die "notleidende" Partei ein und verkündet demonstrativ: "Wir geben auf". Die "Frankfurter Rundschau" schreibt damals, bei den Dreharbeiten habe eine Rentnerin geschrien: "Aufgeben? Ich glaub es hackt! Das geht doch nicht in eurem Alter!"

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    Schlegl in Aktion: SPD in Hessen

    Tobi Schlegl setzt sich für die "notleidende" SPD in Hessen ein. extern

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Extra-3-Moderator Christian Ehring meint: "Es ist absurd, dass Erdogan auf den Vorwurf der mangelnden Pressefreiheit mit der Forderung nach Zensur reagiert." Redaktionsleiter Lange sagt im Interview mit ZAPP, Kritik von Kritisierten oder deren Anhängern sei bei einer Satiresendung kein Grund zur Sorge, sondern eher eine Auszeichnung. "Wenn man schießt und jemand schreit 'Aua', dann haben wir alles richtig gemacht."

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03:27 min

Christian Ehring zur sogenannten extra-3-Affäre

30.03.2016 22:50 Uhr
extra 3

"Wir setzen auf Deeskalation und wollen uns mehr auf die Gemeinsamkeiten besinnen. Wir sind ein kleines Satiremagazin. Erdogan ist der größte Komiker seines Landes." Video (03:27 min)

Extra-3-Urgestein Börner erinnert an Schäuble-Satire

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Ex-Moderator Hans-Jürgen Börner: "Nie einen Beitrag bereut."

Das erfuhr auch schon Hans-Jürgen Börner, der von 1989 bis 1997 extra 3 leitete und moderierte. Börner erinnert sich noch gut an eine Parodie auf einen Reklame-Spot einer Biermarke. Darin wurde unter dem Slogan "Heute ein König" der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) in seinem Rollstuhl gezeigt. Große Aufregung. "Es gab interne Konflikte und Beschwerden von außen." Darf man sich über Menschen mit Behinderung lustig machen? Börner sagt, er habe damals ein Reichsgerichts-Urteil von 1928 zitiert. Demnach hätten Behinderte geradezu ein Recht darauf, auch Ziel einer Satire zu sein.

Satire darf alles - mit einer Einschränkung

Börner erzählt auch, dass es damals im Rundfunkrat einen Vertreter der katholischen Kirche gab, der immer wieder versucht habe "die Frage zu klären, was Satire darf und was nicht". Der Programmchef und der Intendant hätten dann irgendwann klargestellt: Satire darf alles. Mit einer Einschränkung - sie dürfe nicht eine Religion an sich oder religiöse Handlungen verspotten. "Die Amtsträger der Kirche durften aber sehr wohl bewitzelt werden. Wir konnten uns also über die roten Schuhe des Papstes lustig machen, nicht aber zum Beispiel über die Oster-Zeremonie im Vatikan." Börner meint, er könne sich nicht erinnern, dass er jemals einen Beitrag bei extra 3 bereut habe, sei die Kritik auch noch so heftig ausgefallen. "Allerdings muss man zugeben, dass Manches nicht sehr gelungen war."

Redaktionsleiter Lange legt Wert darauf, dass die Redaktion nicht aus Quatsch heraus einen Beitrag mache, "sondern weil es wichtig ist, die Dinge anzusprechen". Das ist der Charakter von Satire: Kritisieren. Extra 3 macht das seit 1976.

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01:52 min

Song: Erdowie, Erdowo, Erdogan

17.03.2016 22:45 Uhr
Das Erste: extra 3

In Sachen Pressefreiheit und Menschenrechte tritt der türkische Präsident ziemlich verhaltenskreativ auf. Also diplomatisch ausgedrückt. Das ist bei uns anders. Unser Song für Istanbul. Video (01:52 min)

mit Video

Kazim: Türkei will Kritik nicht hören

Der türkische Präsident Erdogan vertrage keine Satire, sagte Journalist Hasnain Kazim auf NDR Info. Er mache auch nicht davor halt, ausländische Journalisten einzuschränken - wie im Fall von extra 3. mehr

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Erdogan-Song: "Wir arbeiten journalistisch"

ZAPP

Andreas Lange freut sich über den Erfolg des Erdogan-Songs. "Wir machen das nicht nur des Quatsches wegen", so der extra-3-Redaktionsleiter. Spaß und Botschaft gehen zusammen. Video (06:58 min)