Stand: 26.06.2015 14:00 Uhr

Mutter soll Sohn fast tot gespritzt haben

von Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de, Christoph Heinzle, NDR Info

An den Moment, in dem für ihn "eine Welt zusammenbrach", erinnert sich Frank N. bis heute deutlich. "Es war ein Tag Ende November 2013", erzählt der 37-Jährige aus einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Er schaut aus dem Wohnzimmerfenster seines Hauses auf den Garten, mit Rutsche, Schaukel, Spieltrecker. An besagtem Novembertag liegt N.s schwer kranker Sohn Tim (Name des Jungen von der Redaktion geändert) im Hamburger Universitätsklinkum Eppendorf (UKE) - und das bereits seit mehreren Monaten. Dem Dreijährigen geht es schlecht, zwischenzeitlich musste er auf die Intensivstation, schwebte in Lebensgefahr. Anfangs hatten die Ärzte auf Leukämie getippt, jetzt finden sie in Tims Blut immer neue Bakterien. Doch die Ursache seines Leidens bleibt selbst Spezialisten ein Rätsel. Auch die stärksten Antibiotika versagen. An diesem Novembertag haben die Ärzte Frank N. und seine Frau wieder einmal zum Gespräch gebeten. Es soll um eine Knochenmarkstransplantation gehen - denkt der Vater.

"Ohne Reaktion saß sie da"

Dann das: Die Ärzte bitten ihn, künftig an Stelle seiner Frau bei Tim im Krankenhaus zu bleiben. Frank N. versteht nicht. Seine Frau sorge doch so gut für das Kind. Sie verbringt jede Nacht in der Klinik, hat engen Kontakt zum Pflegepersonal. Er könne nicht einspringen, sagt der selbstständige Elektroinstallateur. Der Betrieb laufe schlecht. "Aber dann sagte die Oberärztin, wir haben Flaschen in Ihrem Zimmer gefunden, an denen sind die gleichen Bakterien wie im Blut Ihres Sohnes", berichtet er. N. versteht immer noch nicht. "Wir gehen davon aus, dass das gespritzt wurde", habe die Ärztin mit Blick auf seine Frau erläutert. Der Vater wird laut. Der Vorwurf scheint ihm ungeheuerlich, unverschämt. Dann schaut seine Frau an - und ihm dämmert Grauenvolles. "Ohne Reaktion saß sie da. Da wusste ich, dass sie das gemacht hat."

Wohl monatelang Infusionen mit Kot und Urin gespritzt

Von den Ärzten mit dem Vorwurf konfrontiert, gibt die Mutter nach Erinnerung von Frank N. zu, ihrem Sohn eine verunreinigte Infusion gespritzt zu haben. Sie habe verhindern wollen, dass es Tim besser geht und die bevorstehende Knochenmarkstransplantation abgesagt werde, vermutet N. Noch am selben Tag kommt seine Frau in die Psychiatrie. Von dort aus schreibt sie ihrem Mann einen Brief, der NDR Info und NDR.de vorliegt. Darin gesteht sie, das Kind schon in den Monaten zuvor absichtlich krank gemacht zu haben - unter anderem durch die Injektion von verdünntem Kot, Urin, Speichel und abgestandenem Wasser. Warum sie das getan habe, wisse sie nicht - und könne es selbst kaum glauben.

Mutter an seltener psychischer Störung erkrankt

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"Ein Hilfeschrei, über das Kind ausgedrückt"

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist eine sehr seltene Form der Kindesmisshandlung. Psychiater Martin Krupinski erklärt, was Mütter dazu treibt, ihre Kinder krank zu machen. mehr

Die Staatsanwaltschaft Hamburg geht davon aus, dass die Mutter an dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidet, einer extrem seltenen psychischen Störung, die vor allem bei Müttern auftritt. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland derzeit etwa 50 bis 200 Fälle. Wie Psychiater Martin Krupinski erklärt, täuschen Betroffene Krankheiten ihrer Kinder vor oder führen sie sogar herbei, um das Kind in medizinische Behandlung geben zu können. Zugleich erschienen die Täterinnen "fürsorglich und besorgt". Wie der mittlerweile geschiedene Frank N. sagt, habe auch Tims Mutter "alles" für ihren Sohn getan - und darauf beharrt, stets bei ihm zu bleiben. "Sie sprach viel mit den Ärzten und holte jeden Tag die Tabellen mit den Blutwerten." Selbst als N. ihr angeboten habe, sie abzulösen, "wollte sie das partout nicht". Psychiater Krupinski zufolge genießen die Täterinnen die Aufmerksamkeit, die sie in ihrer positiven Rolle als fürsorgliche Mutter erhalten. Dies sei in der Regel ein Ausgleich für eigene innere Defizite. Meist sei diese Form des Kindesmissbrauchs ein Hinweis auf "sehr starke innerseelische Nöte" der Mütter - "ein Hilfeschrei, über das Kind ausgedrückt".

Anklageschrift liegt seit über einem Jahr bei Gericht

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Das lange Leiden des kleinen Tim

Über Monate soll eine offenbar psychisch kranke Mutter ihrem Dreijährigen verunreinigte Infusionen gespritzt haben. Erst Hamburger Ärzte klärten den Missbrauch auf. Bildergalerie

Inwiefern dies bei der Mutter von Tim der Fall ist und inwiefern ihre Schuldfähigkeit dadurch vermindert ist, will die Hamburger Staatsanwaltschaft mithilfe psychologischer Gutachten in einem Prozess klären. Sie hat Anklage erhoben und wirft der Mutter "Misshandlung von Schutzbefohlenen, wodurch der Schutzbefohlene in die Gefahr des Todes gebracht wurde" vor, zudem gefährliche Körperverletzung und Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht. Laut Staatsanwaltschaft drohen ihr bis zu 15 Jahre Haft. Allerdings hat der Prozess mehr als ein Jahr, nachdem Anklage erhoben wurde, noch nicht begonnen. Die Staatsanwaltschaft nennt die Verzögerung "sehr misslich" und führt Arbeitsüberlastung der zuständigen Kammer und einen Richterwechsel als Gründe an. Jetzt soll allerdings rasch über die Prozesseröffnung entschieden werden, was Verhandlungen in den nächsten Monaten ermöglichen würde.

Vater fühlt sich schlecht informiert

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Frank N. ist angesichts des langwierigen Verfahrens frustriert.

Frank N. ist über das langwierige Verfahren frustriert, weil er den Prozess herbeisehnt, "um abzuschließen mit dem Ganzen". Zudem fühlt er sich von den zuständigen Stellen zum Teil schlecht informiert. Als seine Ex-Frau nach sechs Monaten aus der Forensischen Psychiatrie entlassen wurde, habe ihm das niemand mitgeteilt. Er habe es erst von seinem Schwiegervater am Telefon erfahren. Aus Angst um seine Kinder - Tim hat noch eine ältere Schwester - habe er daraufhin "panisch die Schlösser ausgetauscht" und den Kindergarten abgesagt, "weil wir nicht wussten, was los ist. Nur, dass sie frei ist".

Er selbst habe daraufhin das zuständige Jugendamt informiert, das ebenfalls nichts von der Entlassung der Frau wusste, wie eine Sprecherin erklärte. Erst als das Jugendamt dann die Staatsanwaltschaft kontaktierte, erfuhr es, dass es der Mutter bei ihrer Entlassung zur Auflage gemacht worden war, den Wohnsitz zu wechseln, und striktes Kontaktverbot zu ihren Kindern bestehe. Ihr Anwalt will sich derzeit zu dem Fall nicht äußern.

"Erledigt ist das, glaub' ich, nie"

Dem heute fünfjährigen Tim geht es nach Angaben seines Vaters wieder gut - zumindest körperlich. "Anfangs war er sehr schmusebedürftig, mittlerweile ist er am liebsten draußen unterwegs", berichtet er. Inwieweit das Martyrium bei dem Jungen Spuren hinterlassen hat, sei noch unklar. "Um das festzustellen, ist er wohl noch zu klein." Eine Zeit lang habe ein Therapeut die Familie regelmäßig besucht, zurzeit sei aber nur Tims Schwester in psychologischer Behandlung. Frank N. selbst kämpft bis heute mit der Angst, die Ex-Frau könne erneut auftauchen und seinen Kindern wieder etwas antun. So weit wie möglich versucht der alleinerziehende Vater mit seinen Kindern einen normalen Familienalltag zu leben. Aber: "Erledigt ist das, glaub' ich, nie."

Mögliche Merkmale des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms

- Ursache der Erkrankung des Kindes bleibt trotz gründlicher Untersuchung unklar
- Kind wird mehrfach zu medizinischen Untersuchungen und Behandlungen vorgestellt
- Häufig Verdacht einer extrem seltenen Erkrankung
- Übliche, etablierte Therapien helfen nicht
- Untersuchungs- und Laborbefunde bestätigen die Angaben des Elternteils zum Gesundheitszustand des Kindes nicht
- Zeitliche Verknüpfung zwischen Auftreten der Symptomatik und Anwesenheit des Elternteils
- Typische Beschwerden sind Anfälle, unerklärliche Blutungen, Erbrechen, Lethargie etc.
- Akute Beschwerden bilden sich zurück, wenn das Kind vom Elternteil getrennt wird

Persönliche Angaben zu den Betroffenen hat die Redaktion zu deren Schutz geändert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 26.06.2015 | 06:00 Uhr