Stand: 09.11.2017 15:54 Uhr

Moralischer Affekt siegt über Geist und Vernunft

Nach Harvey Weinstein ist auch der zweimalige Oscar-Gewinner Kevin Spacey tief gefallen. Aus einem angesehenen Filmstar ist nach den Vorwürfen der sexuellen Belästigung ein Ausgestoßener geworden, im Visier der Polizei und gefeuert von seiner Emmy-prämierten Hauptrolle in der Serie "House of Cards". Der Schauspieler Anthony Rapp hatte berichtet, Spacey habe ihn im Jahr 1986, als er 14 Jahre alt war, nach einer Party auf sein Bett gelegt und sich auf ihn gesetzt. Die Aufregung ist groß. Doch sind alle Konsequenzen gerechtfertigt?

Ein Kommentar von Maria Ossowski, RBB

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Szenen mit Kevin Spacey sollen jetzt aus dem bereits abgedrehten Film "Alles Geld der Welt" herausgeschnitten werden.

Erleben wir gerade eine Putzorgie selbstgerechter Moralisten, nach deren Furor von jeder Kunst kaum ein kümmerlicher Rest übrig bleiben dürfte? Es sieht so aus. Gewinnen die erotisch korrekten Gesinnungsfetischisten, so heißt es konsequent: Charlie Chaplins "Modern Times" und alle anderen Meisterwerke des genialen Komikers müssen raus aus sämtlichen Kinoretrospektiven, Mediatheken, Videotheken und Bestenlisten. Chaplin liebte viel zu junge Mädchen.

Die lange Liste der Verfehlungen

Hitchcocks "Vögel", "Fenster zum Hof", "Vertigo", "Gaslight", jedes Werk des Suspensemeisters ist bitte mit einem Bann zu belegen. Grace Kelly und Tipi Hedren berichteten ausführlich von Übergriffen des Regisseurs, der laut eigener Biografie davon träumte, eine kühle Blondine möge ihm im Taxi die Hose öffnen.

"Reifeprüfung“, "Little big man", "Rainman", alles ist zu löschen, denn Dustin Hofmann war ein Grabscher. Kenneth Anger hat in seiner Skandalchronik "Hollywood Babylon" schon zu Beginn der 50er-Jahre erotische Verfehlungen der Traumfabrik genüsslich beschrieben und das in den 80ern fortgesetzt.

Caravaggio, Michelangelo, David, Gauguin und Kirchner ...

Wechseln wir in die Bildende Kunst: Hängen wir bitte sofort alle Caravaggios ab, der Meister des Lichts liebte kleine Jungs und war außerdem ein gesuchter und gejagter Mörder. Auch Michelangelo war fasziniert von viel zu jungen Männern. David, ab ins Depot, der Keller sollte groß genug sein, aber um der erotisch-moralischen Sauberkeit Willen graben wir uns tief in den Untergrund von Florenz.

Ebenfalls verschwinden aus allen Museen weltweit muss Paul Gauguin. Der Maler der Südsee heiratete eine 13-Jährige und schwängerte mehrere 14-Jährige. Ernst Ludwig Kirchner begehrte wohl ebenfalls viel zu junge Mädchen.

Künstler im Widerstreit mit der gängigen Moral

Ulrike von Levetzow war 17, als der 70-jährige Goethe ihr die Marienbader Elegien widmete. Verführung Minderjähriger. Ab auf den Index. Dichterfürst? Ach was, allesamt Fürsten der Finsternis waren sie. Lord Voldemorts der bildenden Kunst und Darth Vader des Films sowie der Literatur bevölkern unsere Kulturgeschichte.

Was wir momentan erleben, ist der Sieg des moralischen Affekts über Geist und Vernunft. Die Geschichte der Menschheit beweist: Nicht alle Genies waren so protestantisch ehrsam wie Johann Sebastian Bach. Im Gegenteil. Künstler befanden und befinden sich gern im Widerstreit mit der gängigen Moral. Dieser Konflikt war und ist oft Quelle ihrer Kunst.

Vergewaltiger wegsperren, aber nicht ihre Kunst

Das soll die Tat nicht rechtfertigen oder entschuldigen. Kriminelles muss benannt werden. Vergewaltiger gehören in den Knast. Aber lasst uns bitte die Werke, die alten und die neuen. Sie erzählen von der Ambivalenz im Tun und Treiben des Menschen. Große Kunst ist das Gegenteil affektgeladener Schwarz-Weiß-Malerei. Und das Gegenteil jener geistfeindlichen Hysterie, die wir gerade erleben.

Tagesschau.de
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Netflix trennt sich von Kevin Spacey

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Kevin Spacey hat Netflix die Zusammenarbeit mit ihm beendet. Der Schauspieler wird nicht mehr in "House of Cards" auftreten. Mehr bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentare | 09.11.2017 | 15:55 Uhr

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