Stand: 09.12.2016 15:05 Uhr

Immer weniger Kreißsäle - auch im Norden

von Jonas Keinert, NDR Info

Die Zahl der Kreißsäle hat sich in Deutschland seit dem Jahr 2000 um fast ein Drittel reduziert. Im selben Zeitraum ist die Zahl der Geburten in Krankenhäusern aber nur um vier Prozent zurückgegangen. Viele Kreißsäle sind deshalb stark ausgelastet, wie Recherchen von NDR Info ergaben.

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In Hamburg kommen in jedem der zwölf Kreißsäle pro Jahr fast 2.000 Kinder zur Welt.

Während es zur Jahrtausendwende noch mehr als 1.000 Kreißsäle in Deutschland gab, waren es im vergangenen Jahr nur noch knapp 700. Im Norden des Landes haben in diesem 15-Jahres-Zeitraum 48 Kreißsäle den Betrieb eingestellt. Die meisten Kreißsäle in Norddeutschland wurden in Niedersachsen geschlossen: laut den Zahlen des statistischen Bundesamtes insgesamt 32. In Schleswig-Holstein waren es prozentual am meisten: 36 Prozent aller Kreißsäle haben dort dicht gemacht.

Geburtshilfestationen verursachen hohe Kosten für die Kliniken

Betroffen von den Schließungen sind vor allem ländliche Regionen. Weniger Geburtshilfestationen bedeuten dort vor allem weniger Auswahlmöglichkeiten und längere Anfahrtswege bis zur nächsten Entbindungsstation.

Geburtshilfestationen brauchen viel Personal und sind deshalb ein hoher Kostenfaktor für Kliniken. Wenn es in einer dünn besiedelten Region nur wenige Hundert Geburten pro Jahr gibt, dann sind die Folgen häufig Verluste.

Viel mehr Geburten in Hamburg

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Zahl der Entbindungen in Krankenhäusern in den vergangenen Jahren leicht angestiegen. Trotzdem haben auch dort vier Kreißsäle den Betrieb eingestellt. Und allein die Schließung der Geburtenklinik auf Rügen hat zu großen politischen Diskussionen geführt.

Hamburg konnte dagegen in seinen großen Kliniken alle zwölf Kreißsäle halten. Aber auch hier ist die Auslastung stark angestiegen: 27 Prozent Zuwachs bei den Geburten sind ein bundesweiter Spitzenwert. In Hamburg kommen in jedem Kreißsaal inzwischen pro Jahr fast 2.000 Kinder zur Welt.

"Zeitweise platzt die Station aus allen Nähten"

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Die Hebammen Anne Eckhoff (l.) und Gabi Horn Stinner aus Stade hoffen, dass die Zahl der Geburtsstationen nicht noch weiter sinkt.

Anne Eckhoff ist im Elbe Klinikum Stade in Niedersachsen Kreißsaal-Hebamme. In ihrer Klinik ist die Auslastung der Geburtsstation in diesem Jahr um etwa zehn Prozent auf rund 1.100 Geburten gestiegen: "Wir haben dieses Jahr einige Male erlebt, wo auf der Station wirklich alles aus allen Nähten geplatzt ist, wo keine Betten mehr da waren. Wo keine Handtücher mehr geliefert werden konnten, wo die Pampers leer waren. In Zeiten, in denen wirklich die Hochzeiten waren, wo viele Geburten waren in kürzester Zeit, da sind wir an unsere Grenzen gestoßen."

GKV-Spitzenverband begrüßt aktuelle Entwicklung

Die Auslastung der Kreißsäle steigt überall in Deutschland, weil viele kleine Geburtshilfestationen den Betrieb einstellen. Die Krankenkassen begrüßen diese Entwicklung, denn sie müssen den laufenden Betrieb öffentlicher Krankenhäuser finanzieren. "Es ist für uns keine finanzielle Diskussion. Wir sehen das grundsätzlich als gute Entwicklung, weil es im Ergebnis für die betroffenen Eltern und das ungeborene Kind besser sein kann, ein Stück weiter zu fahren und dort sehr gut betreut zu werden, als in dem kleinen Krankenhaus zu bleiben, wo man im Normalfall wahrscheinlich auch gut betreut wird, wo es im Komplikationsfall aber weder die Spezialisten gibt, noch die Erfahrung", sagt Florian Lanz vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen GKV.

Prof. Hecher: "Zentralisierung hat viele Vorteile"

In großen Kliniken müssen Frauen, sollten Komplikationen auftreten, nicht erst aufwendig in andere Häuser verlegt werden. Zudem sind Blutbank oder Kinderärzte schnell verfügbar. Schon heute werden rund 30 Prozent aller Geburten durch Kaiserschnitt oder Vagnial-OP durchgeführt.

Auch Professor Kurt Hecher, Leiter der Geburtshilfe des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) in Hamburg, befürwortet deshalb den Zentralisierungsprozess: "Die Zentralisierung hat viele Vorteile. Es ist gefordert, dass Spezialisten für Risikofälle vor Ort sind. Das heißt, es müssen rund um die Uhr hochspezialisierte Mitarbeiter vorhanden sein. Das ist natürlich schwierig, das zu gewährleisten in einer Klinik, wo so etwas ganz selten passiert. Unter 1.000 Geburten ist es international gesehen eine Geburtshilfe, die geschlossen werden sollte. Das muss man ganz klar sagen."

Keine Zentralisierung zu Lasten der Schwangeren

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Mütter wie Lena Stumpf (l., mit ihrem Sohn Felian) freuen sich über die intensive Betreuung durch Hebammen wie Gabi Horn Stinner.

Hebamme Gabi Horn Stinner kennt die Zahlen. Für Risikofälle seien große Geburtenzentren durchaus gut. Doch die Zentralisierung dürfe nicht zu Lasten anderer Schwangerer gehen, ist ihre Meinung: "Wissen Sie, Sie können Ihr Leben immer vom Risiko her denken, oder Sie können Ihr Leben vom Normalen her denken. Eine Geburt ist ein physiologischer Vorgang. Wenn ich jede Frau, die gebiert, behandele als wäre sie schon in Gefahr, dann entsteht eine Pyramide von Handlungsabläufen, die in sich logisch sind. Die aber ganz oft durchaus zu hinterfragen wären, ob die an diesem Punkt X so hätten beginnen müssen."

Weniger Kliniken und die daraus resultierende Zentralisierung bedeute für Schwangere vor allem, dass sie weniger Möglichkeiten der Auswahl hätten, meint die Hebamme. Auch die Nachsorge könne ein Problem sein: "4,5 Stunden des Tages, die sie eigentlich im Bett liegen sollten, um sich auszuruhen, sind sie mit dem Kind unterwegs, haben Wartezeit in der Klinik, kommen wieder zurück. Als Folge haben wir Milchstaus, Fieber, Erschöpfungsphänomene. Dann haben wir Stillschwierigkeiten, die im Zusammenhang stehen mit dieser Überforderung der Frauen."

Finanzielle Unterstützung kleiner Kliniken wird geprüft

Im internationalen Vergleich seien große Geburtenkliniken längst etabliert, hält Professor Hecher dagegen: "Das, was für Deutschland absolut das Obermaß ist, wo Kliniken mit 4.000 Geburten zu den größten Deutschlands gehören, das ist für andere Länder Mittelklasse. Da gibt es Kliniken mit 5.000 oder 6.000 Geburten. Das ist alles organisierbar. Deshalb ist nicht die Zahl entscheidend, sondern es ist die Ausstattung entscheidend."

Der gemeinsame Bundesausschuss hat vor rund zwei Wochen entschieden, die finanzielle Unterstützung von kleinen Kliniken mit Geburtshilfestationen zu prüfen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 10.12.2016 | 10:20 Uhr

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