Stand: 09.10.2012 12:30 Uhr

Häuser-Dämmung: Gifte in der Fassade

von Güven Purtul, Jenny Witte

Saubere Hauswände findet man in vielen deutschen Städten nur noch selten. Denn vor allem auf wärmegedämmten Fassaden finden sich immer öfter Algen und Schimmel. Ärgerlich ist das vor allem für die Menschen, die in den gedämmten Häusern leben. Auch Britta Venzkes Haus färbt sich langsam aber sicher grau.

Styroporplatten zur Wärmedämmung liegen vor einem eingerüsteten Mehrfamilienhaus. © dpa picture alliance Fotograf: Armin Weigel

Häuser-Dämmung: Gift in der Fassade

Panorama 3 -

Um gedämmte Hauswände vor Algen und Schimmel zu schützen, werden Gifte in Putze und Farben gemischt. Die sind zum Beispiel in der Landwirtschaft seit Jahren verboten.

4,4 bei 10 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Die Eigenheimbesitzerin ist genervt: "Die Häuser sind ja noch gar nicht so alt, sie sind jetzt sechs Jahre alt so ungefähr und es war schon relativ fix so, dass das Weiß nicht mehr richtig weiß oder so cremeweiß war, sondern gleich diese schmuddelige Farbe angenommen hat." Für Venzke sind die bewachsenen Hauswände auch ein Kostenfaktor: "Man würde erwarten, dass ein Haus nach 20-25 Jahren so aussieht. Aber dass nach fünf bis sechs Jahren die Hauswand schon wieder behandelt werden muss, was ja auch teuer ist, das ist natürlich ärgerlich."

Algen und Schimmel: Kein Einzelfall

Bild vergrößern
Moos und Algen in einer mit Rissen überzogenen, wärmesanierten Fassade.

Dass es sich bei den algenbewachsenen Fassaden durchaus um ein flächendeckendes Problem handelt, weiß Bauphysiker Helmuth Venzmer. Er hat überall im Norden gedämmte Häuser untersucht. "Wir haben da ca. 1.500 Gebäude analysiert und konnten feststellen, dass auf 75 Prozent dieser Gebäude Algen sichtbar waren", berichtet Venzmer.

Das Problem: Die Wärmedämmung auf der Fassade sorgt dafür, dass die Außenwände kaum Sonnenwärme speichern. Außerdem dringt durch die Dämmung keine warme Luft mehr vom Inneren des Gebäudes nach außen. Vor allem nachts kühlen die Fassaden schnell aus, es kommt zu vermehrter Tauwasserbildung. Und feuchte Außenwände bilden einen idealen Nährboden für Algen und Schimmelpilze. Ist der Bewuchs erst mal da, breitet er sich gerne ungehindert aus. Venzmer stellte an den betroffenen Wänden einen Algen- und Schimmelzuwachs von etwa zehn Prozent pro Jahr fest.

Weitere Informationen

Die Wärmedämmerung

16.11.2015 22:00 Uhr
45 Min

Der Dämmstoff Polystyrol soll Heizkosten deutlich senken. Wie gut ist seine Wärmedämmung wirklich? Und wie sieht es mit der Brandgefahr und der Umweltbilanz des Materials aus? mehr

Gegenmittel Gift: Woanders längst verboten

Als Gegenmaßnahme hat sich die Industrie ein zweifelhaftes Konzept überlegt: Sie mischt Gifte in Putze und Farben. Das schützt vor dem Befall, zumindest für ca. fünf Jahre - genau so lange, wie Bauunternehmer für eine schimmelige Wand in Haftung genommen werden könnten. Die eingesetzten Gifte sind dabei mehr als zweifelhaft: Einige sind in anderen Bereichen seit Jahren verboten, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Auf die Häuser dürfen sie hingegen munter aufgetragen werden. Mit unkalkulierbaren Risiken, warnt auch Bauphysiker Venzmer: "Das Problem besteht darin, dass diese Gifte wasserlöslich sind, und wenn es regnet, dann werden diese Gifte ausgewaschen, sie laufen an der Fassade herunter treffen auf den Boden und können dann in den Boden eindringen. Und wenn Sie da drin sind, könne sie auch ins Grundwasser gelangen."

Bild vergrößern
Irene Wittmer nimmt eine Wasserprobe aus einem Bach. Vor allem kleinere Gewässer können stark mit Bioziden aus Dämmfassaden belastet sein.

In der Schweiz konnten diese so genannten Biozide aus der Wärmedämmung bereits in Gewässern und Kläranlagen nachgewiesen werden. Laut Irene Wittmer von der Eidgenössischen Anstalt für Gewässerschutz kommen "die gefundenen Konzentrationen für einzelne Substanzen in einen bedenklichen Bereich". Auch in deutschen Gewässern wurden überhöhte Biozidwerte nachgewiesen - darunter immer wieder der Wirkstoff Terbutryn. Ein Gift, das in der Landwirtschaft längst verboten ist - beim Häuserdämmen hingegen nicht. Eine Unterscheidung, die der Umweltmediziner Albrecht zum Winkel nicht nachvollziehen kann: "Die Konfrontation mit diesen Substanzen findet im Laufe von Jahren statt und deshalb müsste dieser Bereich genauso reglementiert werden, wie der Einsatz solcher Substanzen im landwirtschaftlichen Bereich."

Altmaier versteckt sich hinter Brüssel

Bild vergrößern
Bundesumweltminister Peter Altmaier verweist lieber auf die EU-Ebene, statt sich des Themas anzunehmen.

Die Wärmedämmung gilt als ein Prestigeprojekt der Bundesregierung. Schwierigkeiten sind da offenbar lästig. Bundesumweltminister Peter Altmaier hat sich um das Problem bisher nicht gekümmert. Ein Interview lehnt er ab, schriftlich teilt er mit: "Die Entscheidung darüber, ob der Altwirkstoff Terbutryn in die Liste der EU-weit zulässigen Biozid-Wirkstoffe aufgenommen wird, steht aus; auch ist der Wirkstoff bislang noch nicht auf EU-Ebene diskutiert worden."

Selbstverständlich könnte die Bundesregierung Stoffe wie Terbutryn auch im Alleingang verbieten. Doch sie versteckt sich lieber hinter der EU. Pech für die Millionen von Bürgern, deren Häuser bereits mit den so genannten Wärmedämmverbundsystemen beklebt wurden. Auch Britta Venzke ist verunsichert: "Auf der einen Seite möchte man was machen, um der Umwelt was Gutes zu tun, und auf der anderen Seite kommt da ein Anstrich drauf, der wirklich giftig und umweltschädlich ist. Das ist natürlich richtig absurd."

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 09.10.2012 | 21:15 Uhr