Stand: 25.03.2016 16:51 Uhr

"Alexandra": Facelifting für die alte Dame

von Kevin Laske

Dreimal schallt das laute Tuten durch den sich langsam lichtenden Nebel, als die "Alexandra" im Flensburger Hafen ablegt. Ein Abschiedsgruß am frühen Morgen am Sonnabend vor einer Woche. "Nun ist Flensburg wach", scherzt ein Besatzungsmitglied. Gelächter. Die erste Fahrt des Jahres geht nach Kiel. Für die Verhältnisse der "Alex" eine lange Fahrt. Gewöhnlich schnauft das Dampfschiff nur auf gemütlichen, kurzen Ausflugsfahrten durch die Flensburger Förde. Diesmal jedoch geht es mit hohem Tempo in eine Werft nach Friedrichsort. Die Außenhaut aus genieteten Stahlplatten soll untersucht und ausgebessert werden.

Flensburgs schwimmendes Wahrzeichen

Alles muss raus

Schon seit Wochen hat die Besatzung auf die Werftfahrt hingearbeitet. Im Inneren musste klar Schiff gemacht werden - die elegante Einrichtung raus. Bänke, Tische, Vertäfelungen und Bodenbeläge mussten weichen, genauso wie große Teile der Elektrik. "Zum 'Schallen' und zur Reparatur der Außenhaut muss für das Werftpersonal innen alles frei zugänglich sein", sagt Klaus Lütte. Zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfern hat er unzählige Anhängerladungen des Innenlebens in verschiedene Lager in Flensburg gebracht.

Mit Volldampf nach Kiel

"Die Welle macht im Moment 120 Umdrehungen bei einem Dampfdruck von sieben Bar. Geschwindigkeit 9,4 Knoten", meldet Lütte, der heute als Rudergänger aktiv ist und das Schiff ins Fahrwasser aus dem Heimathafen steuert. Wie fühlt es sich an? "Herrlich!", entgegnet er und legt seine Hand auf das große alte Holzruderrad. "Das ist der Herzschlag der Alex", sagt er andächtig und meint damit das sanfte Pochen, das die Dampfmaschine auf das Ruder überträgt.

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Die Fahrt von Flensburg nach Kiel ist für die Heizer an Bord ein Knochenjob.

Im Maschinenraum geht es dagegen nicht so entspannt zu. Schon am Morgen des Vortages hatten Maschinist Mike Klotz und Heizer Carsten Jonas damit begonnen, den riesigen Kessel für die Überfahrt zu befeuern. In der Nacht konnten sie nur abwechselnd schlafen, um das Feuer in Gang zu halten. Und jetzt, wo die "Alex" mit voller Kraft voraus fährt, müssen die Jungs im Maschinenraum all ihre Kräfte mobilisieren. Unzählige Schaufeln voll Kohle müssen immer wieder in die beiden Feuerlöcher geschippt werden.

Rost auf der Stahlhaut

Die 108 Jahre Salzwasser haben ihre Spuren am Rumpf des Traditionsdampfers hinterlassen. Unter der Verkleidung im unteren Salon sind große Rostflecken und ein bereits geflickter Riss zu sehen, sicher abgedichtet mit Beton. In der Werft sollen die Schäden des Flensburger Wahrzeichens beseitigt und die Stärke der Metallhaut mithilfe von Ultraschall überprüft werden. Moderne Technik für die Verjüngungskur der alten Dame.

Raus aus dem Wasser an Land

Nach sechs Stunden Fahrt erreicht die "Alexandra" die Gebrüder Friedrich Werft in Kiel. Geleitschutz bei der Einfahrt in die Förde geben zwei Delfine, die die "Alexandra" wohl noch aus der Flensburger Förde kennen.

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Wo ist der Dampfer "dünnhäutig"? Mit dem Ultraschallgerät wird die Stärke der Rumpfplatten gemessen.

Nach einigen Tagen Pause wird der Dampfer Gründonnerstag per Slipanlage an Land gezogen. Jetzt wird sich zeigen, in welchem Zustand sich der Rumpf der "Alex" befindet. "Wir hoffen auf überschaubare Schäden, rechnen mit bis zu 50 Quadratmeter schadhaftem Stahl", sagt Kapitän Günter Herrmann. "Wir würden uns natürlich freuen, wenn es weniger sind“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Ultraschall wie beim Frauenarzt

Daten und Fakten zur "Alexandra"

Baujahr: 1908
Werft: Janssen & Schmilinski in Hamburg
Länge: 36.96 Meter
Breite: 7,17 Meter
Tiefgang: 3 Meter
Antrieb: Zweizylinder Compound-Dampfmaschine
Leistung: 420 PS (309 kw) / 12 Knoten (22 km/h)
Besatzung: 7 Mann/Frau seemännisch und technisch, 6 in der Restauration
Liegeplatz: Flensburger Innenförde Schiffbrückkai/Dampferbrücke

Mittlerweile ist der Rumpf der "Alexandra" gereinigt. Uwe Fuchs ist Sachverständiger für Traditionsschiffe und wartet darauf, dass mehrere markierte Stellen am Rumpf von Farbe befreit werden. Hier wird die Stahldicke gemessen. Bis die gesamte Außenhaut überprüft ist, vergehen fünf Stunden. Die ursprünglich zwischen acht bis zehn Millimeter starken Stahlplatten haben in den vergangenen Jahrzehnten gelitten. Die Messungen zeigen: Häufig sind nur noch zwischen fünf und sieben Millimeter übrig. "Im Grunde funktioniert das Ultraschallmessgerät genauso wie das beim Frauenarzt", sagt Fuchs und trägt ein wenig Gel auf den Messsensor auf, bevor er ihn auf die zu überprüfende Stelle drückt.

Der Vorsitzende des Fördervereins, Eberhard Starke, zieht ein erstes Fazit: "Bisher halten sich die Schäden in Grenzen. Ich schätze, am Ende müssen um die 15 Quadratmeter Stahl erneuert werden." Bis Mai sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Mit der Sanierung ist aber noch lange nicht Schluss: Im Herbst muss der alte Kessel ersetzt werden.

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