Stand: 29.03.2016 21:13 Uhr

Erdogan-Satire: Botschafter betont Pressefreiheit

Der deutsche Botschafter in Ankara, Martin Erdmann, hat im türkischen Außenministerium eine Satire des NDR auf Präsident Recep Tayyip Erdogan in Schutz genommen. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte mit, Erdmann habe deutlich gemacht, "dass Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Justiz und der Schutz grundlegender Freiheiten, einschließlich der Presse- und Meinungsfreiheit, hohe Güter seien, die gemeinsam geschützt werden müssten". Erdmann sei deswegen am Dienstag erneut im türkischen Außenministerium gewesen. Wie am Montag bekannt wurde, war der Botschafter bereits in der vergangenen Woche wegen des extra-3-Videos einbestellt worden. Darin heißt es unter anderem: "Ein Journalist, der was verfasst, das Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast."

Erdogan winkt.

Song: Erdowie, Erdowo, Erdogan

extra 3 -

In Sachen Pressefreiheit und Menschenrechte tritt der türkische Präsident ziemlich verhaltenskreativ auf. Also diplomatisch ausgedrückt. Das ist bei uns anders. Unser Song für Istanbul.

Das Video mit Untertiteln
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Song: Erdowie, Erdowo, Erdogan (english subtitles)

A song about Erdogan leads to diplomatic annoyance. extern

"Keine Notwendigkeit für Handeln der Bundesregierung"

Türkischen Diplomaten zufolge verlangte Ankara die Löschung des Beitrags. Bereits in der vergangenen Woche habe Erdmann jedoch darauf hingewiesen, "dass politische Satire in Deutschland von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt ist" und es deshalb weder eine Notwendigkeit noch die Möglichkeit für ein Handeln der Bundesregierung gebe, so das Auswärtige Amt.

Autoren des NDR Satiremagazins extra 3 hatten Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" umgedichtet. Das Spottlied "Erdowie, Erdowo, Erdogan" wurde am 17. März im Ersten gesendet. Es kritisiert die Situation der Pressefreiheit in der Türkei, Polizeigewalt und andere Menschenrechts-Defizite. Über Erdogan heißt es unter anderem: "Er lebt auf großem Fuß, der Boss vom Bosporus."

Interviews
06:58 min

Erdogan-Song: "Wir arbeiten journalistisch"

ZAPP

Andreas Lange freut sich über den Erfolg des Erdogan-Songs. "Wir machen das nicht nur des Quatsches wegen", so der extra-3-Redaktionsleiter. Spaß und Botschaft gehen zusammen. Video (06:58 min)

"Erdogan hat offenbar Bodenhaftung verloren"

Der NDR Chefredakteur Fernsehen, Andreas Cichowicz, betonte am Dienstag, "dass die türkische Regierung wegen eines extra-3-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar." In Deutschland sei politische Satire erfreulicherweise erlaubt. Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte das Vorgehen der türkischen Regierung scharf: "Der türkische Machthaber Erdogan hat offenbar die Bodenhaftung verloren", sagte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Die Macher von extra 3 hätten ganz offensichtlich "ins Schwarze getroffen. Glückwunsch dazu!" Erdogan habe sich nun "zum Gespött der sozialen Netzwerke gemacht". Extra-3-Redaktionsleiter Andreas Lange freute sich im Interview auf NDR Info über die mediale Aufmerksamkeit. "Der Song ist lustig und unterhaltsam - aber er hat natürlich auch einen journalistisch-inhaltlichen Kern." So beschäftige er sich mit der Politik Erdogans und den Repressalien gegen Journalisten.

EU beklagt Druck auf türkische Medien

Im In- und Ausland werfen Kritiker Erdogan und der Regierung in Ankara vor, mit immer drastischeren Mitteln gegen kritische Journalisten und Medien vorzugehen. Einen zunehmenden Druck auf die Medien in der Türkei beklagt auch die EU. Die türkische Regierung weist die Vorwürfe zurück - und das, obwohl zuletzt neben Journalisten und Bloggern auch vermehrt einfache Bürger, darunter auch Jugendliche, wegen "Präsidentenbeleidigung" vor Gericht mussten.

Türkische Journalisten der Spionage angeklagt

In Istanbul wurden zudem der Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet" und der Leiter des Hauptstadt-Büros der Zeitung vor Gericht gestellt. Der Vorwurf: Spionage und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Hintergrund der Anklage ist ein Artikel des Blattes über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien aus dem vergangenen Jahr. Mehrere diplomatische Vertreter, darunter der deutsche Botschafter Martin Erdmann und der britische Generalkonsul, hatten am Freitag den Beginn des Prozesses beobachtet - worauf sie von Erdogan scharf kritisiert wurden.

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Weitere Informationen
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Kazim: Türkei will Kritik nicht hören

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Kommentar: Unverschämtheit bedarf einer Antwort

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"Klassisches Eigentor" von Erdogan

Kritik an der Reaktion des türkischen Präsidenten auf den NDR Satirebeitrag: "Überzogen" sei Erdogans Verhalten, meint die türkische Gemeinde. Mehr bei tagesschau.de. extern

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Erdogan poltert, Berlin schweigt

Die türkische Regierung hat wegen eines NDR Satire-Videos den deutschen Botschafter einbestellt. Die Bundesregierung schweigt bislang und sorgt damit für Kritik. (tagesschau.de) extern

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Türkei: Mutige Journalisten in Haft

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