Stand: 19.03.2016 04:30 Uhr

Equal Pay Day: Hoffen auf mehr Lohngerechtigkeit

von Wolf-Hendrik Müllenberg und Daniel Sprenger, NDR.de
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Die Bezahlung von Männern ist nach wie vor deutlich höher als die von Frauen.

Seit 38 Jahren bringt Birgit Mills Kindern das Lesen und Schreiben bei. Doch ihre Arbeit an einer Grundschule in Flensburg werde nicht wertgeschätzt, sagt sie. Und das habe auch mit ihren männlichen Kollegen zu tun, von denen die meisten mehr verdienen würden als sie. Aus einem einfachen Grund: Nur zehn Prozent der Grundschulpauker sind männlich. Männer unterrichten vor allem an weiterführenden Schulen. Dort bekommen sie trotz gleicher Ausbildung bis zu 450 Euro brutto mehr Gehalt. Mills ist überzeugt: Wären mehr Männer an Grundschulen beschäftigt, würde es diesen Unterschied nicht geben. "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Davon sind sind wir sehr weit entfernt", findet Birgit Mills. Ihre Hoffnung am heutigen Equal Pay Day: "Dass sich nach diesem Tag endlich etwas ändert."

Frauen verdienen im Schnitt 22 Prozent weniger

Rechnet man den prozentualen Gehaltsunterschied in Tage um, so arbeiten Frauen die ersten 79 Tage des Jahres umsonst - also bis heute. Mit dem Aktionstag machen Gewerkschaften seit 2008 auf den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied aufmerksam. Im Bundesdurchschnitt beträgt der Lohnrückstand der Frauen laut Lisanne Straka vom DGB Nord 21,6 Prozent. Bekommen Männer 20,59 Euro brutto pro Stunde, müssen sich Frauen mit 16,20 Euro zufrieden geben, wie das Statistische Bundesamt ermittelte.

Höhere Teilzeitquote in Frauenberufen

Daran habe sich in den vergangenen Jahren kaum etwas geändert, obwohl Frauen heute so gut ausgebildet seien wie noch nie, sagt Claudia Kajatin vom Landesfrauenrat Mecklenburg-Vorpommern. Die Gründe reichten von schlechterer Bezahlung in typischen Frauenberufen, etwa in der Pflege, über Erziehungszeiten bis hin zu einer höheren Teilzeitquote. Hinzu kämen die nach wie vor schlechteren Karrierechancen.

Nach einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung verdienen Männer in fast allen Berufsgruppen im Durchschnitt mehr als ihre Kolleginnen. Besonders eklatant sind demnach die Unterschiede in der Gesundheitsbranche: Dort verdienen Frauen schon in der frühen Erwerbsphase, also mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung, 20 Prozent weniger als Männer. Sehr hohe Verdienstabstände gibt es auch in den Chemieberufen, in der Nahrungsmittelverarbeitung, den Bank- und Finanzberufen sowie im Handel.

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In Hamburg und Niedersachsen ist Abstand besonders groß

Allerdings gibt es im Norden deutliche regionale Unterschiede bei der Einkommensschere. Spitzenreiter bei der monetären Ungleichbehandlung von Frauen ist Hamburg. Hier liegt die Differenz nach aktuellen Zahlen des Statistikamtes Nord für 2015 bei 24 Prozent - und damit deutlich über dem Bundesschnitt. Erhielten Männer im vergangenen Jahr im Schnitt 24,70 Euro pro Stunde, mussten sich Frauen mit 18,74 Euro zufrieden geben.

In Niedersachsen liegt der Abstand bei 21 Prozent: Arbeitnehmerinnen erhalten durchschnittlich 16,20 Euro je Stunde, Männer 20,59 Euro. "Es ist dumm von Arbeitgebern, gerade in Zeiten des Fachkräftemangels mit der Kompetenz und dem beruflichen Engagement von Frauen so demotivierend umzugehen", sagt Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD).

Schere in Mecklenburg-Vorpommern deutlich geringer

In Schleswig-Holstein bekamen Frauen im vergangenen Jahr im Schnitt 15,27 Euro pro Stunde und damit 15 Prozent weniger als Männer (18,03 Euro). In Mecklenburg-Vorpommern liegt der Lohnrückstand der Frauen bei sechs Prozent, wie das Sozialministerium in Schwerin mitteilt. Die Tatsache, dass die Gehaltslücke im Nordosten viel geringer ausfällt als im bundesweiten Durchschnitt, ist laut Lisanne Straka vom DGB Nord aber kein Grund zum Feiern. Hintergrund dafür sei das insgesamt niedrige Lohnniveau im Nordosten. Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) sagt dazu: "Mein Appell geht an alle Firmen im Land, kritisch zu hinterfragen, wie das Gehaltsgefüge bei ihnen strukturiert ist und dann eventuell bestehende Unterschiede abzubauen."

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Webseite der Initiative "Equal Pay Day"

Die Initiative informiert über ihre Arbeit und kommende Veranstaltungen. extern

Weniger Lohn = weniger Rente

Wenn es um die Renten geht, sind die Gegensätze sogar erheblich höher. "Wegen des Lohnrückstands zahlen Frauen erheblich weniger in die Rentenkasse ein", sagt Straka vom DGB Nord. Dazu komme, dass 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten in Norddeutschland weiblich seien. Im Niedriglohnsektor sind zwei Drittel der Arbeitnehmer Frauen.

Mehr Transparenz und Fairness gefordert

Straka fordert mehr Transparenz bei den Gehältern. Viele Frauen wüssten gar nicht, was ihre männlichen Kollegen verdienen und ob sie selbst gut oder schlecht entlohnt werden. Auch Niedersachsens Sozialministerin Rundt fordert mehr Fairness und Transparenz. Nur so könne die laut Verfassung gebotene Gleichstellung erreicht werden.

Birgit Mills hofft, dass der Equal Pay Day mehr als ein Gedenktag ist. Sie findet, die schleswig-holsteinische Landesregierung sollte ihn zum Anlass nehmen, die vielen Grundschullehrerinnen künftig genauso zu besolden wie ihre Kollegen an weiterführenden Schulen. Und was, wenn sich nichts ändert? Mills, Grundschullehrerin und Gewerkschaftsmitglied, sagt: "Dann werde ich weiter für gleiches Geld für gleichwertige Arbeit kämpfen!"

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