Stand: 13.09.2017 16:14 Uhr

Empörender Bummelstreik der Air-Berlin-Piloten

Flugausfälle bei Air Berlin. Zuletzt war der Weg zum Flughafen in Hamburg, Hannover oder Bremen fast wie ein Glücksspiel: Hebt die Air-Berlin- oder auch die Eurowings-Maschine ab? Oder bleibt sie am Boden? Ist der Pilot krank? Oder wieder gesund? Ab wann spricht man eigentlich von einem illegalen Arbeitskampf? Welche Auswirkungen hat das alles auf die Verkaufsverhandlungen der Airline?

Ein Kommentar von Jörg Pfuhl, NDR Info

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Jörg Pfuhl glaubt, dass noch mehr europäische Airlines insolvent gehen werden.

Der Bummelstreik der Air-Berlin-Piloten scheint abzuebben - höchste Zeit. Denn wer bucht noch bei einer Airline, die gar nicht mehr fliegt?! Noch ein paar Tage wilder Streik, und es wäre vorbei gewesen mit der relativ komfortablen Insolvenz in Eigenregie. Dann wäre es eine echte Insolvenz geworden: Die Flugzeuge am Boden, das Luftfahrtbundesamt hätte Air Berlin die Lizenz entziehen müssen, die wenigen werthaltigen Einzelteile wären zum Schleuderpreis an die Raubtiere gegangen, die Air Berlin schon längst umkreisen.

Der Bummelstreik war umso empörender, als die Piloten ohnehin schon privilegiert sind. Sie werden derzeit von der Bundesagentur für Arbeit bezahlt, und ihr Monatsgehalt, das sogenannte Insolvenzgeld, ist eigentlich auf gut 6.300 Euro gedeckelt. Weil Piloten aber unersetzlich sind, haben die Gläubiger zugestimmt: Auch in der Insolvenz bekommen die Piloten ihre vollen Gehälter weiter.

Piloten kassieren weiterhin bis zu 17.000 Euro im Monat

Die sind bei Air Berlin extrem unterschiedlich. Die ehemaligen LTU-Kapitäne, die heute von Düsseldorf aus in die USA fliegen, verdienen um die 17.000 Euro monatlich. Müssten sie demnächst für die Billigtochter der Lufthansa, also für Eurowings fliegen, dann würde sich ihr Gehalt glatt halbieren.

Anders als die vielen Verwaltungsangestellten von Air Berlin müssen sich Piloten und Flugbegleiter immerhin kaum Sorgen um ihre Jobs machen. Andere Airlines wie Qatar und Wizz werben in Castings heute schon um die Berliner. Die Piloten sollten ihre relativ komfortable Lage nicht dazu missbrauchen, das Schicksal ihrer viel schlechter gestellten Kollegen am Boden und in der Verwaltung zu gefährden.

Ticketpreise decken nicht die Kosten

Wie verzweifelt die Lage bei Air Berlin ist, wie unbedingt man die Flieger voll kriegen muss, zeigen die aktuellen Angebote: für 49 Euro nach Malle, oder weit über den Atlantik, nach Miami und zurück, für nicht mal 350 Euro. Das deckt bei Weitem nicht die Kosten, das minimiert bestenfalls die Verluste. Und das ist das entscheidende Stichwort bei Air Berlin: Das Insolvenzverfahren dient dazu, die Verluste zu verteilen.

Denn bei Air Berlin ist keine Substanz mehr da. Das Eigenkapital ist schon lange aufgebraucht, schon vor der Insolvenz hat die Gesellschaft Monat für Monat 50 Millionen Miese eingeflogen. Hunderte Millionen Euro, die Großgesellschafter Etihad in Air Berlin gesteckt hat, sind perdu. Die Araber werden wahrscheinlich keinen Cent mehr sehen.

Zu viele Airlines in Europa

Ein alter Witz fragt: Wie wird ein Milliardär am schnellsten zum Millionär? Antwort: Er kauft sich eine Airline. Es ist ja nicht nur Air Berlin. Zum ganzen Bild gehört, dass es in Europa einfach zu viele Airlines, zu viele Flugzeuge und auch zu viele Piloten gibt.

Deutschland verliert mit Air Berlin gerade seine zweite nationale Airline. Andere Länder haben schon ihre einzige verloren: Sabena, Swiss, Brussels, Alitalia - alle sind sie in Insolvenz oder aufgekauft oder völlig verschwunden. Und das wird so weitergehen, bis Angebot und Nachfrage wieder übereinstimmen. Erst wenn es weniger Airlines gibt, kann die einzelne Gesellschaft wieder Geld verdienen. Für Kunden bedeutet das am Ende: Die Tickets werden teurer werden.

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NDR Info | Kommentare | 13.09.2017 | 17:08 Uhr

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