Stand: 14.05.2013 07:00 Uhr

Die haarige Plage weitet sich aus

Sein Verbreitungsgebiet wird immer größer: Der Eichenprozessionsspinner entwickelt sich auch in Norddeutschland mehr und mehr zu einem bedeutenden Schädling. Die Larven des Schmetterlings aus der Familie der Zahnspinner können ganze Eichen-Alleen abfressen. Unter den giftigen Raupenhärchen mit Widerhaken leiden Mensch und Tier. Gelangt das Nesselgift Thaumetopoein auf die Haut, kann es Juckreiz und Entzündungen auslösen. Auch gereizte Augen, Atembeschwerden, Schwindel, Fieber und ein allergischer Schock können die Folge sein.

Der Name des Insekts geht auf die Art und Weise zurück, wie die Raupen an ihre Nahrungsplätze wandern. Sie formieren sich zu einer Prozession, die bis zu 20 Spuren erreichen kann.

So funktioniert der Entwicklungsprozess des Schädlings:

  • Falter legen Eier in Eichenkronen ab

    Die unscheinbaren, grauen Falter mit einer Flügelspannweite von 25 bis 30 Millimetern schwärmen in den Nachtstunden von Ende Juli bis Anfang September. Bereits in der zweiten Nacht nach dem Hochzeitsflug legt das Weibchen etwa 150 Eier im oberen Kronenbereich von Eichen ab. Sie werden in Form von länglichen Platten an dünnen, ein- bis zweijährigen besonnten Zweigen positioniert und mit grauen Afterschuppen und Sekret getarnt. Noch im Herbst entwickelt sich im Ei die fertige Jungraupe, die dort bis zum nächsten Frühjahr überwintert.

  • Raupen schlüpfen Ende April / Anfang Mai

    Mit dem Beginn der Vegetationszeit (Ende April/Anfang Mai) schlüpfen die Raupen, die bis zu ihrer Verpuppung im Juni/Juli sechs Larvenstadien durchlaufen. Die stark behaarten Tiere sind zunächst gelblich-braun gefärbt, später nehmen sie eine bläulich-schwarze Färbung an. Sie sind maximal fünf Zentimeter lang. Ab dem dritten Larvenstadium werden Brennhaare entwickelt.

  • Nester an Stamm und Astgabelungen

    Die Raupen leben von Beginn an in geselligen Familienverbänden zusammen. Die Eichenblätter werden bis auf die Blattmittelrippe vollständig verzehrt. Bäume können vollständig kahlgefressen werden. Ab dem fünften Larvenstadium (Mitte Juni) legen sie typische Gespinstnester am Stamm und in Astgabelungen an, die sie in langen, mehrreihigen Prozessionen zur Nahrungsaufnahme verlassen. Die Verpuppung (Juli) erfolgt in den Raupennestern und dauert drei bis sechs Wochen.

  • Kontaktgefahr bleibt über Jahre

    Auch nach dem Schlupf der Falter bleiben die Gespinstnester mit Häutungsresten und Raupenkot erhalten. Die Brennhaare darin verlieren nicht ihre allergische Wirkung. So bleibt die Kontaktgefahr in Befallsgebieten noch über Jahre erhalten.
    (Quelle: Julius Kühn-Institut)

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Insektizide aus der Luft

Wie das Julius Kühn-Institut (JKI) mitteilt, muss der Schädling im Interesse des Waldschutzes und aus Gründen des Gesundheitsschutzes derzeit bekämpft werden. Auf Grundlage des Pflanzenschutzrechts ist in Wäldern eine Bekämpfung mit Insektiziden möglich. Drei Pflanzenschutzmittel stehen den Angaben zufolge 2013 zur Verfügung. Für eine Bekämpfung aus der Luft ist derzeit nur ein Mittel genehmigt. Diese Methode, die dazu führen soll, dass sich die Insekten nicht häuten, ist aber umstritten. Während einer eigens gegründeten Bürgerinitiative im Landkreis Lüneburg die Luftaktionen nicht weit genug gehen, stufen etwa die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern dieses Vorgehen als "völlig unangemessen" ein.

Spezialfirmen können Nester absaugen

Eine Bekämpfung des Schädlings in Ortschaften kann laut JKI nach dem Biozidrecht erfolgen. Weil offiziell noch keine speziellen Biozidprodukte zugelassen sind, dürfen einige Mittel übergangsweise angewendet werden. Vor der Verwendung von chemisch-biologischen Produkten sollten auch biozidfreie Alternativen geprüft werden. Nester mithilfe eines Wasserstrahls zu entfernen oder sie mit Feuer zu bekämpfen, ist aber nicht ratsam. Grund: Die Brennhaare verwirbeln und verbreiten sich dennoch.

 

Vorsichtsmaßnahmen

  • - Grundsätzlich befallene Bereiche meiden
  • - Raupen und Gespinste nicht berühren
  • - Sofortiger Kleiderwechsel und Duschbad mit Haarreinigung nach Kontakt mit Raupenhaaren
  • - Empfindliche Hautbereiche (z. B. Nacken, Hals, Unterarme) schützen
  • - Bei Bekämpfungsmaßnahmen Chemievollschutzanzug und Atemschutz tragen
  • - Auf Holzernte- oder Pflegemaßnahmen verzichten, solange Raupennester erkennbar sind
  • - Bekämpfung nur von Fachleuten durchführen lassen

Bewährt hat sich laut JKI, die Nester mechanisch zu entfernen und in einer Müllverbrennungsanlage zu entsorgen. Spezialfirmen können die Nester dafür entsprechend absaugen. Doch das mechanische Entfernen kommt beispielsweise für den Landkreis Lüneburg als alleinige Maßnahme nicht infrage: "Viel zu aufwendig". Der Naturschutzbeauftragte des Landkreises Axel Schlemann empfiehlt daher ein ganzes Maßnahmenpaket. So solle in die Fortpflanzungsdynamik des Insekts eingegriffen oder die Fressfeinde von Raupe und Falter gestärkt werden.

Hintergrund

Warum eine Raupe so gefährlich ist

Die Raupen des Eichenprozessionsspinners leben an Ästen und Stämmen von Eichen. Ihre winzigen Brennhaare enthalten Nesselgift und können heftige allergische Reaktionen auslösen. mehr

Befall nicht nur von Wäldern

Ursprünglich stammt der Eichenprozessionsspinner von der iberischen Halbinsel. Von Klimaveränderungen begünstigt, wanderte er über Süd- und Mitteleuropa bis in den Süden Russlands und sogar bis nach Vorderasien. Die giftigen Raupen, die es warm lieben, haben sich daher auch deutschlandweit stark ausgebreitet - besonders in Teilen Niedersachsens und Mecklenburg-Vorpommerns. Auch aus Hamburg und Schleswig-Holstein werden inzwischen Funde gemeldet. Neben Eichenwäldern sind laut JKI zunehmend Eichen des innerstädtischen Grüns etwa entlang von Alleen, auf Spielplätzen, in öffentlichen Parks und in Naherholungsgebieten befallen.

Karte: Verbreitung des Eichenprozessionsspinners in Norddeutschland (Stand: April 2013)