Sendedatum: 17.10.2017 21:15 Uhr

"Die Luftreinhaltung braucht eine klare Politik"

Prof. Nino Künzli, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health Instituts (Swiss TPH) in Basel, erläutert im Interview mit Panorama 3, warum Stickoxide gesundheitliche Schäden verursachen. Seiner Meinung nach müsse die Politik dafür sorgen, die Luft reiner zu halten.

Das Gespräch führte Nils Naber, Panorama 3

Was sind die gesundheitlichen Folgen von Stickoxiden?

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Prof. Nino Künzli: "Typischerweise bei den Stickoxiden ist die Häufung von Atemwegsproblemen".

Nino Künzli: Stickoxide sind Schadstoffe, bei denen wissenschaftlich erwiesen ist, dass sie die Gesundheit schädigen. Eine typische Wirkung der Stickoxide ist beispielsweise, dass sie die Atemwege verengen. Bei Kindern weiß man, dass sich die Lunge unter den verkehrsbedingten Schadstoffen schlechter entwickelt. Menschen mit Asthma haben häufiger Symptome oder Asthmaanfälle. Auch zeigen viele Studien eine erhöhte Sterblichkeit an Tagen mit erhöhten Stickoxidbelastungen. Stickoxide kommen oft im Gemisch zusammen mit anderen Schadstoffen, mit Partikeln und mit Ozon vor. Sie sind also oft Teil eines toxischen Gemisches, das für die Gesundheit negative Folgen hat. Oft kommt es dabei zu wechselseitigen Wirkungen der unterschiedlichen Schadstoffe.

Stickoxide sind nur ein Teil der Luftschadstoffe. Wieso nehmen sie eine derart wichtige Bedeutung ein?

Künzli: Stickoxide sind ein hervorragender Hinweis auf die Belastung der Luft durch Schadstoffe aus der Verbrennung und in den Städten ein ausgezeichneter Indikator für die verkehrsbedingte Schadstoffbelastung. Stickoxide stehen in einer ausgeprägten wechselseitigen Beziehung mit anderen für die Menschen schädlichen Abgasen und sind wie erwähnt ein Teil dieses Gemisches. Die Frage, wie man ein Gemisch misst, ist eine schwierigere Frage. Stickoxide sind jedoch eine der wenigen Schadstoffe, die man seit Jahrzehnten misst und gut messen kann um zu dokumentieren, wie sauber und gesund die Luft ist.

Gehen Sie davon aus, dass die Grenzwerte 2018 eingehalten werden?

Künzli: Das kommt auf die hierfür relevanten politischen Entscheidungen an und es kommt auch darauf an, ob die Autoindustrie Falschdeklarationen fortan unterlässt. Hält die Industrie ein, was sie verkauft, wird es ganz klar Verbesserungen für die Bevölkerung geben, auch, da ein großer Teil der Fahrzeugflotte, die nun schrittweise erneuert wird, verhältnismässig alte Fahrzeuge mit einer sehr viel höheren Umweltbelastung sind. Ich bin diesbezüglich also optimistisch. Es braucht jedoch eine ganz klare Politik, welche die nötigen Vorgaben macht und die Hersteller auch überprüft – und es braucht Zeit – 2018 reicht nicht.

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Kann die Politik sich Zeit lassen?

Künzli: Es gibt keinen Grund, um sich Zeit zu lassen, es braucht keine weiteren Debatten und Diskussionen. Auch ist die Technologie vorhanden, um die Schadstoffgrenzwerte einzuhalten. Wichtig ist, dass man die richtigen Standards für die Emissionen und für die Belastungen in der Luft setzt – und  dass dies dann auch umgesetzt und kontrolliert wird. Es ist sonnenklar: Der gesundheitliche Gewinn durch eine verbesserte Luftqualität ist substantiell – und zahlt sich auch aus. Hochrechnungen zufolge sind die Kosten für die Luftreinhaltung vielfach geringer als die volksgesundheitlichen Kosten der Luftverschmutzung. Es spricht also auch wirtschaftlich alles dafür, dass die Luftreinhaltung durch die Politik verbindlich vorgegeben wird.

Mit welchen Zahlen ist dabei zu rechnen?

Künzli: Die US-Umweltbehörde und die Weltbank rechnen mit 5-15-fach grösserem Kostennutzen. Dies hängt aber von der lokalen Ausgangslage ab. Es lohnt sich aber in jedem Fall. Wie wir alle wissen, sind die  Kosten der Krankheitslast in unserer Gesellschaft enorm. Gesundheitsschäden in der Folge von  Luftverschmutzung leisten hier einen wesentlichen Beitrag, der sich vermeiden ließe. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet mit etwa 4,5 Mio. vorzeitigen Todesfällen pro Jahr, die auf Luftschadstoffe zurückzuführen sind.

Wie konnte es zu dieser Situation kommen?

Künzli: Dieselautos sind seit Jahrzehnten ein riesiges Problem, dass die Industrieländer ganz unterschiedlich angegangen sind. In der Schweiz wird seit Jahrzehnten unter Berufung auf die Gesundheitswissenschaften erfolgreich verhindert, dass man Dieselmotoren fördert. Im Jahr 2000 gab es in der Schweiz rund 5% Dieselfahrzeuge. Im Gegensatz dazu ist der Anteil an Dieselfahrzeugen in Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich sehr viel höher bei 40 bis 60 Prozent. Die Politik hat in diesen Ländern dem Gesundheitsschutz weniger Gewicht gegeben.

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Die Grenzwerte werden auch in vielen norddeutschen Städten deutlich überschritten.

Diese Länder bezahlen einen hohen Preis für die Förderung von Dieselfahrzeugen: Dieselmotoren erzeugen bekanntlich Krebs erregende Substanzen, die in großer Menge verteilt sind. Fairerweise muss man anfügen: Der technologische Fortschritt bezüglich der Dieselmotoren in den letzten 10 Jahren war enorm dank der Partikelfilter. Falls den Betrügereien nun ein Ende gesetzt wurde, dann werden auch die Stickoxidkonzentrationen weiter abnehmen, was sich ebenfalls auf die Partikel und Ozonkonzentrationen positiv auswirken wird. 

Hier in Deutschland heißt es immer wieder: Die Grenzwerte sind willkürlich festgelegt worden. Wie bewerten Sie das?

Künzli: Die Grenzwerte wurden keineswegs willkürlich festgelegt, sondern erfolgen aufgrund der Sichtung der gesamten weltweiten wissenschaftlichen Literatur, die für alle Wissenschaftsbereiche zu Fragen der Luftverschmutzung in Bezug auf die Menschen verfügbar ist. Die WHO organisiert zu diesem Zweck große internationale Meetings, um die gesamte wissenschaftliche Literatur zu studieren - übrigens begutachtet auch die amerikanische Umweltbehörde die wissenschaftliche Evidenz und zwar mit großer Akribie. Man schaut sich diese Daten gemeinsam an und formuliert dann in den WHO Air Quality Guidelines, welche Höhe der Schadstoffe tolerabel ist und im Einklang steht mit einer gesunden Bevölkerung.

Heute weiß man, dass es bei den regulierten Luftschadstoffen keine nicht-schädlichen Grenzwerte gibt; das war vor 30 bis 50 Jahren noch nicht der Fall. Heute sagen wir nicht einfach, hier haben wir einen Grenzwert und damit ist das Problem gelöst: Sondern die Bürger und Bürgerinnen beziehungsweise die Politik entscheidet, wieviel Schaden tolerierbar ist. Meine persönliche Einschätzung ist: Wenn wir die von der WHO vorgeschlagenen Werte gesetztlich festhalten und dank geeigneter Luftreinhaltepolitik tatsächlich erreichen, dann ist die Luft in einem für die Menschen tolerierbaren Masse rein. Wichtig ist, dass weltweit die gleichen Standards gelten. Nur so lässt sich verhindern dass westliche Industrien dreckige Technologien und Produktionen in Länder verlagern mit schlechter Umweltgesetzgebung.

Wieso gelten für Arbeitsplätze höher Grenzwerte als in der Umwelt?

Künzli: Der Arbeitsplatz ist ein sehr spezielles Setting. Die Arbeitszeit ist begrenzt auf gut 8 Stunden an 5 Wochentagen im Erwachsenenalter. Die ersten 15 bis 20 Jahre des Lebens ist man keinen Arbeitsplaztbelastungen ausgesetzt, was für die Entwicklung der Gesundheit wichtig ist. Auch ältere Menschen mit Krankheiten sind nicht mehr dem Arbeitsplatz ausgesetzt. Die Umweltbelastung ist hingegen unfreiwillig und sie betrifft alle Menschen, von Geburt bis Tod, weshalb es zwingend ist, dass hier strengere Vorschriften gelten.

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Panorama 3 | 17.10.2017 | 21:15 Uhr

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