Stand: 31.01.2017 18:57 Uhr

Dicke Luft wegen Stickstoffdioxid

In vielen norddeutschen Städten atmen Bewohner und Besucher stark belastete Luft ein. Das zeigen die Daten verkehrsnaher Messstationen des Umweltbundesamtes (UBA) und der Bundesländer für das Jahr 2016. An zwölf Messstellen in Norddeutschland wurde der Grenzwert für Stickstoffdioxid im Jahresmittel überschritten. In Kiel und Hamburg wurden die höchsten lokalen Werte gemessen: Am Kieler Theodor-Heuss-Ring 65 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³) im Jahresdurchschnitt; in Hamburg-Barmbek in der Habichtstraße 62 µg/m³. Damit liegen die Städte auf Rang vier und sechs der höchsten Messwerte bundesweit. Zum Schutz der Gesundheit liegt der Grenzwert für Stickstoffdioxid bei 40 µg/m³. Wird dieser überschritten, kann es zu kurz- und langfristigen Gesundheitsschäden wie Augenreizungen und Atemproblemen kommen.

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In Niedersachsen wurde an fünf Stationen, in Hamburg an vier und in Schleswig-Holstein an drei Messstationen der Grenzwert überschritten. In Mecklenburg-Vorpommern lag Rostock-Am Strande mit 37 µg/m³ knapp unter dem Grenzwert. Laut Gewerbeaufsichtsamt in Hildesheim ging die Belastung in Hannover und Osnabrück zurück; Braunschweig und Göttingen hielten 2016 die Grenzwerte exakt ein. Laut UBA stieg die Anzahl der Messstationen mit Grenzwertüberschreitungen seit 2000 um 40 Prozent.

UBA: "Schuld sind vor allem alte Diesel-Autos"

Die blaue Plakette

Die blaue Plakette ist noch nicht eingeführt. Vergangenen Sommer war sie unter dem Protest von Umweltschützern vom Bundesumweltministerium auf Eis gelegt worden. Die Plakette würde es nur noch besonders schadstoffarmen Fahrzeugen erlauben, in Städte mit Umweltzonen hineinzufahren. Hannover, Osnabrück und Bremen haben solche Umweltzonen für Autos mit grüner Plakette.

Stickoxide stehen auch im Zentrum des VW-Skandals. Der Wolfsburger Autobauer hatte zugegeben, deren Ausstoß bei Millionen Diesel-Fahrzeugen nur für Testläufe per Software künstlich gesenkt zu haben. Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes sagte: "Schuld sind in den Städten vor allem alte Diesel-Autos. Es kann aus Sicht des Gesundheitsschutzes nicht akzeptiert werden, dass die Kommunen keine Handhabe haben, um beispielsweise Diesel-Autos mit hohem Ausstoß aus den belasteten Innenstädten auszuschließen." Deutschland sei gegenüber der EU verpflichtet, für saubere Luft in den Städten zu sorgen. Sie plädierte für eine bundeseinheitliche Einführung der blauen Plakette. In Norddeutschland gibt es in Hannover, Bremen und Osnabrück bereits Umweltzonen in der Innenstadt, in die nur Wagen mit grüner Plakette fahren dürfen.

Feinstaub geht zurück

Beim Feinstaub hingegen seien laut UBA Fortschritte zu verzeichnen: 2016 sei das Jahr mit den niedrigsten Belastungen seit 2000 gewesen. Lediglich zu Beginn des Jahres habe es einige besonders feinstaubbegünstigende Wetterlagen gegeben. Der EU-Grenzwert wurde an keiner Messstation im Norden überschritten. Der empfohlene Wert der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 20 µg/m³ im Jahresmittel jedoch schon. Erreicht oder überschritten wurde dieser in Rostock an einer, in Hamburg und Schleswig-Holstein an drei und in Niedersachsen an sechs Messstellen. Feinstaub entsteht vor allem im Straßenverkehr, in der Industrie und in der Landwirtschaft und kann unter anderem Entzündungen in der Luftröhre und den Bronchien auslösen.

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Gemischte Bilanz beim Ozon

Beim Ozon fällt das Resümee gemischt aus. Im Vergleich zu den letzten 20 Jahren waren die Werte eher niedrig. Aber jede fünfte Messstation in Deutschland hielt den Zielwert 2016 nicht ein. Darunter der Wurmberg. Und das, obwohl das Wetter wechselhaft und damit nicht ozonfördernd war. In Zukunft jedoch erwarte man immer öfter Sommer mit extremer Hitze, so das UBA. Die Wissenschaftler rechnen bis 2050 mit einen Anstieg von 30 Prozent bei den Ozon-Überschreitungstagen. Besonders stark könnte das Süddeutschland treffen. Das UBA fordert daher, Emissionen der Vorläufer des Ozon zu reduzieren: Stickstoffoxide aus dem Verkehr und flüchtige Stoffe aus Lösemitteln in Farben und Lacken. "Nur wenn wir unsere Stickoxidemissionen in den Griff bekommen, können wir erhöhte Ozonbelastungen auch bei fortschreitendem Klimawandel vermeiden", so Krautzberger.

Umweltverbände fordern Konsequenzen

Der BUND, Greenpeace, die Deutsche Umwelthilfe und die Grünen forderten, Konsequenzen aus den Messergebnissen zu ziehen. "Auf Bundesebene wie in den Kommunen muss es jetzt darum gehen, die Belastung für Menschen und Umwelt schnellstens zu verringern", erklärte BUND-Verkehrsexperte Jens Hilgenberg. Die Umweltverbände fordern die Einführung der blauen Plakette. Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, kritisierte die neuen Daten als "Totalversagen dieser Budesregierung" und die Politiker als "tatenlos". "Die Daten des Umweltbundesamts sind eine Quittung für den Kniefall des Bundesverkehrsministeriums und des Bundesumweltministeriums vor den Interessen der Automobilindustrie." Die Grünen forderten einen allmählichen Abschied von der Dieseltechnik.

Schadstoffe

Stickstoffdioxid (NO2): Stickstoffdioxid ist unter anderem für die Ozonbildung im Sommer verantwortlich. Bedeutende Quellen sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen. Der NO2-Jahresmittelwert darf 40 μg/m³ nicht überschreiten. Europaweit gilt auch der 1-Stunden-Grenzwert von 200 µg/m3, der nicht öfter als 18-mal im Kalenderjahr überschritten werden darf. NO2 kann Schleimhäute angreifen, zu Atemproblemen oder Augenreizungen führen sowie Herz und Kreislauf beeinträchtigen.
Feinstaub (PM10): Feinstaub entsteht vor allem im Straßenverkehr, in der Industrie und in der Landwirtschaft. Der EU-Grenzwert liegt bei 50 µg/m³ an mehr als 35 Tagen im Jahr. Der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Wert bei 20 µg/m³ im Jahresmittel. Je nach Größe der Teilchen, kann Feinstaub verschiedene Auswirkungen haben: von Schleimhautreizungen bis zu einer erhöhten Thromboseneigung.
Ozon (O3): Das farblose und giftige Gas Ozon in der Atmosphäre schützt die Erde in 20 bis 30 Kilometern Entfernung vor der schädlichen Ultraviolettstrahlung der Sonne. In Bodennähe wird es hauptsächlich aus vom Menschen verursachten Stoffen gebildet, die im Straßenverkehr, beim Gebrauch von Lösungsmitteln und bei Überdüngung entstehen. Der maximale 8-Stunden-Wert eines Tages darf an höchstens 25 Tagen pro Kalenderjahr, gemittelt über 3 Jahre, den Wert von 120 µg/m3 überschreiten. Ozon mindert die Lungenfunktion und führt zu Atemwegsbeschwerden. Es steht im Verdacht, Krebs auszulösen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 31.01.2017 | 13:00 Uhr

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