Stand: 10.11.2014 14:00 Uhr

Deutsch-Türken: Einmal Heimat - und zurück?

von Hanna Grimm, NDR.de

"Merhaba, nasilisin?" und "Hallo, wie geht's?": In dem Restaurant über den Dächern von Istanbul vermischen sich Deutsch und Türkisch. Hier treffen sich einmal im Monat die "Deutschländer", wie sie sich selbst nennen. Viele von ihnen sind Türken, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind - und suchen jetzt im Land ihrer Eltern und Großeltern ihr berufliches Glück.

Merhaba Türkiye: Zurück ins Land der Eltern

"Wieder bei mir selbst angekommen"

Der Hannoveraner Kemal Yilmaz ist zum zweiten Mal bei dem Stammtisch. Er hat Deutschland vor zwei Jahren verlassen. "In die Türkei zu gehen, war mein Rettungsanker. Hier bin ich wieder bei mir selbst angekommen", sagt der 33-Jährige. Sein Leben lang habe er sich in Deutschland ausgegrenzt gefühlt. "Ich wurde nie so behandelt wie Leute mit einem deutschen Namen und den gleichen Fähigkeiten. Ich hab nie die gleiche Anerkennung bekommen." Yilmaz ist in Hannover-Langenhagen aufgewachsen. Er spricht akzentfrei Deutsch, war ein guter Schüler und Student, hatte deutsche Freunde: Er war das, was deutsche Politiker gern "gut integriert" nennen.

Taxi fahren statt Klavier spielen

Doch als Pianist und Klavierlehrer gelang es ihm nicht, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. "Musiker zu sein, ist nirgendwo einfach. Aber als Türke ist es doppelt so schwer, in Deutschland erfolgreich zu sein", sagt er. Statt Konzerte zu spielen, bezog Yilmaz Hartz IV und stockte mit Taxifahren auf. "Irgendwann hatte ich die Schnauze voll und hab den Flug nach Istanbul gebucht - ohne Rückflug."

Die Suche nach der Identität

Auswanderer-Biografien wie die von Yilmaz seien typisch, sagt die Soziologin Barbara Pusch. Sie beschäftigt sich am Orient-Institut in Istanbul wissenschaftlich mit deutsch-türkischer Migration und hat 50 Auswanderer interviewt. "Viele hochqualifizierte Deutsch-Türken glauben, dass sie in der Türkei mehr Möglichkeiten haben", sagt sie. In der Regel wanderten ehrgeizige Menschen aus, die sich verwirklichen und Karriere machen wollten. Auch die Suche nach der eigenen Identität spiele eine wichtige Rolle, sagt die Wissenschaftlerin. "Viele Deutsch-Türken haben das Gefühl, dass sie den türkischen Teil ihrer Identität immer unter den Teppich kehren mussten, um in Deutschland erfolgreich zu sein", sagt sie.

Türkeistämmige in Deutschland

In Deutschland haben etwa drei Millionen Menschen ihre Wurzeln in der Türkei. Zwischen 2007 und 2012 kehrten etwa 277.000 türkischstämmige Migranten in die Türkei zurück. Für 2013 rechnen Experten mit ungefähr 60.000 Rückkehrern. Darüber, wie hoch der Anteil gut ausgebildeter Fachkräfte ist, gibt es keine genauen Angaben.
(Quelle: Deutsch-Türkische Stiftung für Bildung und Wissenschaftliche Forschung)

Herausforderung: Arbeitsleben in der Türkei

In der Türkei Karriere machen und nicht immer nur "der Türke" sein, das wollte auch Mustafa Günay. Der Betriebswirt ist vor drei Jahren in die Türkei gegangen. Das erste Jahr lief gut für den 28-Jährigen, da arbeitete er für ein deutsches Unternehmen in einer türkischen Kleinstadt. Doch als er zu einer türkischen Firma nach Istanbul wechselte, begannen die Schwierigkeiten. "Die türkische Arbeitswelt ist ganz anders. Feste Stellenbeschreibungen gibt es nicht, klare Strukturen fehlen oft. Es gibt weniger Urlaub, längere Arbeitszeit und Überstunden werden nicht bezahlt."

Der Wendepunkt kam für ihn, als er Vater wurde. "Ich kann meinem Sohn in der Türkei nicht das geben, was ich in Deutschland geboten bekommen habe", sagt er. Denn in der Türkei ist die Ausbildung der Kinder teuer. Viele Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen. "Außerdem ist Istanbul keine gute Stadt, um Kinder großzuziehen.“ Die 14-Millionen-Einwohner-Stadt sei zu voll, zu verschmutzt und zu stressig.

Kontakte für einen Neustart in Hamburg

Beim Stammtisch der "Deutschländer" versucht Günay, Kontakte zu knüpfen. Denn er sucht wieder einen Job - diesmal in Deutschland. Sein Traum ist es, mit seiner Familie nach Hamburg zu ziehen. Die drei Jahre in der Türkei bereut er trotzdem nicht. "Die Zeit war wichtig für mich, um zu erkennen, wie gut ich es eigentlich in Deutschland hatte", sagt er. In die Türkei will er nur noch als Urlauber fliegen.

Endlich Anerkennung bekommen

Der Pianist Yilmaz hingegen ist glücklich geworden in Istanbul. Gemeinsam mit seiner Freundin lebt er in einem Häuschen mit Garten. Im Wohnzimmer bringt er Kindern das Klavierspielen bei. Regelmäßig wird er als Pianist gebucht - unter anderem vom deutschen Konsulat in Istanbul. "In der Türkei bin ich das erste Mal wirklich als Musiker wahrgenommen worden und habe Anerkennung bekommen", sagt er.

Auf Wiedersehen beim Stammtisch?

"Görüsürüz!" und "Bis bald!" - Yilmaz, Günay und die anderen "Deutschländer" machen sich auf den Nachhauseweg. In einem Monat werden die Istanbuler Deutsch-Türken sich wieder in dem Restaurant im sechsten Stock treffen. Günay weiß noch nicht, ob er dabei sein wird. "Vielleicht hab ich dann ja schon einen Job in Hamburg", hofft er.

Dieser Beitrag wurde im Rahmen eines Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP) umgesetzt.

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