Stand: 06.08.2015 10:41 Uhr

Das teure Geschäft mit Flüchtlingsunterkünften

von Lisa Hofmann und Ann-Katrin Johannsmann, NDR Info
Bild vergrößern
Aus der Not der Flüchtlinge machen einige Makler ein für sie lohnendes Geschäft.

Die Unterbringung von Flüchtlingen hat sich auch in Norddeutschland längst zum Geschäftsmodell entwickelt. In Elmshorn bietet ein Immoblienmakler dem Sozialamt an, Flüchtlinge zum Satz von 23,90 Euro pro Person und Tag unterzubringen. Das wären rund 700 Euro im Monat - und bei einer Drei-Zimmer-Wohnung 2.100 Euro Miete im Monat. Normal sind in dem siebengeschossigen Wohnblock ansonsten Mieten um etwa 600 Euro pro Monat.

IVD spricht von Einzelfällen

Für Carolin Hegenbarth vom Immobilienverband Deutschland (IVD) ist das ein Einzelfall: "Solche schwarzen Schafe wird es immer geben, die aus der Not anderer Profit ziehen wollen. Aber das ist kein Geschäftsmodell." Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl spricht dagegen von einem Systemproblem. Makler und Immobilienbesitzer würden ganz bewusst den Zeitdruck der Städte und Kreise ausnutzen, da die händeringend auf der Suche nach Unterkünften für die ankommenden Flüchtlinge sind. Sie mieten alte Kasernen oder Bürogebäude an. Auch aus Altenheimen, Kliniken und Turnhallen werden Flüchtlingsunterkünfte.

Unternehmen verlangen überhöhte Mieten

Bild vergrößern
Notleidende Flüchtlinge, die ihre Heimatländer verlassen haben, kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Europa.

Die große Zahl von Flüchtlingen beschert Besitzern von leerstehenden Häusern und Hotels gute Geschäfte. Die Stadt Magdeburg hat von einem Berliner Unternehmen fünf Containerbauten angemietet, die ursprünglich für Studenten gedacht waren - zu einem Mietpreis von 275 Euro pro Zimmer. Für die Unterbringung von Flüchtlingen nimmt das Unternehmen nun fast das Doppelte. Zur Begründung heißt es, dass die Asylsuchenden den ganzen Tag da seien, die Wohnung werde also stärker genutzt.

Forderung nach einem neutralen Ansprechpartner

Aus Sicht von Laura Müller vom Flüchtlingsrat Niedersachsen ist das Geldschneiderei: "Flüchtlinge, die hierher kommen, haben genauso ein Interesse daran, in einer Umgebung zu wohnen, in der sie sich wohlfühlen. Grundsätzlich zu sagen, dass Flüchtlinge auf jeden Fall einen höheren Verschleiß mitbringen, das ist rassistisch." Auch für Carolin Hegenbarth vom IVD ist die Begründung des Betreibers nicht ausreichend: "Wir in Hamburg drängen darauf, dass eine neutrale dritte Partei den Prozess begleitet, die dann Ansprechpartner ist für Vermieter und Mieter." Es müsse Hilfestellung auch bei der Wohnungsübergabe geleistet werden. Vorurteile dürften nicht geschürt werden.

Nicht nur Wohnungsinhaber, auch Hoteliers sind auf die Idee gekommen, mit der Unterbringung von Flüchtlingen Geld zu verdienen. Die Kommunen zahlen pro Zimmer zwar nicht mehr als ein Hotelgast, aber dafür regelmäßig. Pachtverträge über zehn Jahre sind keine Seltenheit.

Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften oder Wohnungen

Ob Flüchtlinge vorrangig in Gemeinschaftsunterkünften oder Wohnungen untergebracht werden, variiert je nach Bundesland. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg leben mehr als 60 Prozent der Flüchtlinge in Wohnungen - deutlich mehr als im Rest Deutschlands. Die Stadt Hannover bringt Flüchtlinge vor allem in Gemeinschaftsunterkünften unter, aber auch die werden zum Teil von privaten Unternehmen betrieben.

Marktführer ist das Unternehmen European Homecare, das 50 Unterkünfte in Deutschland betreibt, unter anderem im niedersächsischen Gifhorn. In die Schlagzeilen geriet das Unternehmen im vergangenen Jahr. Dabei ging es um Misshandlungen von Flüchtlingen durch einen privaten Sicherheitsdienst in einer der Unterkünfte.

Suche nach Betreibern mit Erfahrung

Nicht immer garantierten die Betreiberverträge eine optimale Unterbringung, sagt Laura Müller vom Flüchtlingsrat Niedersachsen: "Wir fordern, dass entweder die Kommune die Unterkünfte selber betreibt oder Wohlfahrtsverbände. Es muss einfach sichergestellt sein, dass die Betreiber Erfahrung damit haben." Doch diese Meinung teilen nicht alle. Staatliche Unterkünfte sind nicht nur oft überfüllt, sondern oft so groß, dass der Einzelne untergeht. Pro Asyl fordert deshalb seit Jahren den privaten Wohnungsmarkt für Flüchtlinge zu öffnen.

Private Anbieter sind aus Sicht des IVD unverzichtbar

Carolin Hegenbarth vom IVD wirbt dafür, den Wucher Einzelner nicht auf die gesamte Branche zu übertragen: "Wir haben den Eindruck, dass sich viele Immobilienbesitzer dafür einsetzen, dass Jung und Alt, Deutsche und Flüchtlinge in einer Anlage zusammenwohnen und sich keine Ghettos bilden." Aus Ihrer Sicht können die Kommunen angesichts der wachsenden Anzahl von Flüchtlingen gar nicht auf private Anbieter verzichten: "Unsere Mitgliedsunternehmen in Hamburg verwalten einen Bestand von 150.000 Wohnungen. Wenn dafür nur ein Prozent mobilisiert werden könnte, wäre der Stadt Hamburg schon sehr geholfen, insbesondere den Menschen."

Weitere Informationen

Die ersten Flüchtlinge sind in die Messe gezogen

Die ersten 250 Flüchtlinge sind in die Hamburg Messe eingezogen, die bis Ende September eine provisorische Flüchtlingsunterkunft ist. Am Wochenende folgen die nächsten. mehr

Hintergrund: Flüchtlinge in Norddeutschland

Wie viele Flüchtlinge kommen nach Deutschland und woher kommen sie? Wie viele der Menschen nehmen die norddeutschen Länder auf und wie leben sie hier? Die wichtigsten Fakten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 05.08.2015 | 15:41 Uhr