Grenzenlos im Norden - Der Mauerfall
Zeitzeugen erinnern sich bei NDR.de an die Wendezeit 1989 im Norden. mehr
Egon Krenz (Foto) löste Erich Honecker als Generalsekretär des ZK der SED ab.
Bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Staatsgründung am 7. Oktober 1989 konnte die DDR-Führung kaum noch verheimlichen, dass der Staat politisch wie wirtschaftlich am Ende war. Die Protestdemonstrationen der Bürgerrechtsbewegung hatten in den Tagen vor und nach dem Jubiläum einen neuen Höhepunkt erreicht. Das Politbüro begann verzweifelt, Reformen in die Wege zu leiten, und ersetzte den uneinsichtigen Erich Honecker an der Staatsspitze durch Egon Krenz - doch die Massenflucht aus der DDR konnte nicht mehr gestoppt werden. Zur Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober kamen 70.000 Menschen.
Hunderttausende DDR-Bürger beteiligen sich in vielen Städten des Landes an den sogenannten Montagsdemonstrationen.
Eine Woche später protestierten in Leipzig bereits 150.000 Menschen, und auch in Magdeburg versammelten sich mehr als 100.000 Demonstranten. In den Bezirken Neubrandenburg, Schwerin und Rostock - dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern - blieben die Proteste dagegen noch zaghaft: Zur ersten öffentlichen Aktion der Bürgerbewegung Neues Forum trafen sich 500 Menschen in der Rostocker Michaeliskirche. Auch zu den Friedensgebeten kamen zunächst noch weit weniger Menschen als im Süden der DDR. Am 17. Oktober richtete das Neue Forum in Güstrow daher einen Appell an die Menschen in den Südbezirken: "Ihr sollt sehen, dass der Norden nicht schläft!" Und bald schon kamen auch im Norden Zehntausende Demonstranten zu den Protesten. Am 23. Oktober versuchte die SED, eine Gegenkundgebung zu einem Demonstrationszug durch die Schweriner Innenstadt aufzubieten. Doch gegen 40.000 Demonstranten konnte die Parteiführung wenig ausrichten.
Seit Mai 1989 waren immer mehr DDR-Bürger über die inzwischen geöffnete Grenze zwischen Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik geflohen. Durch zunehmende Kritik aus den sozialistischen Nachbarstaaten geriet die DDR-Führung unter Druck - und erarbeitete schließlich eine Verordnung, die allen DDR-Bürgern die freie Ausreise in den Westen erlaubte. Eigentlich sollte sie erst am 10. November in Kraft treten, doch SED-Sekretär Günter Schabowski gab sie bereits bei einer Pressekonferenz am Abend des 9. November bekannt. Danach ließ sich die Grenzöffnung nicht mehr aufhalten - Hunderttausende DDR-Bürger sammelten sich an den Grenzübergängen und verlangten, hinausgelassen zu werden. Die überraschten Polizisten gaben schließlich die Grenzposten frei - die Zeit der innerdeutschen Grenze war zu Ende.
An den Grenzübergängen in den Westen bildeten sich lange Schlangen mit DDR-Autos.
Genau wie in Berlin strömten am Abend des 9. November 1989 auch im Norden Tausende DDR-Bürger zu den Grenzübergängen, um in die Bundesrepublik zu gelangen. An den Übergängen Helmstedt, Lübeck-Schlutup, Salzwedel und Lauenburg bildeten sich lange Schlangen von Trabis, Ladas und Wartburgs. Auch viele Bundesbürger kamen zur Grenze, um die Besucher zu empfangen. Überall lagen sich völlig fremde Menschen in den Armen und feierten gemeinsam - der Jubel war grenzenlos und das Hupkonzert ohrenbetäubend.
Am 10. November machten sich noch weit mehr DDR-Bürger zu einem Besuch in der Bundesrepublik auf. Zeitzeugen berichten, dass die Fahrt von Magdeburg zur Grenze an diesem Tag etwa sieben Stunden dauerte. In vier Reihen rollten die Trabis Richtung Helmstedt, wo sie begeistert empfangen wurden. Auch vor Lübeck-Schlutup stauten sich die Autos - 65 Kilometer lang. In vielen Lübecker Geschäften hingen Schilder mit der Aufschrift "Sie können auch mit DDR-Währung zahlen". Der ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau erinnert sich: "Kilometerlang Trabis in Hamburg in der Nähe der Innenstadt, und diese Volksmassen, die jetzt plötzlich hier waren, und diese Verbrüderungsszenen."
In den darauf folgenden Tagen riss der Besucherstrom nicht ab. In Helmstedt öffneten viele Geschäfte rund um die Uhr, sogar am Sonntag. Jeder Besucher aus der DDR bekam 100 Mark ausgehändigt - doch bald war kein Geld mehr vorrätig, und die Norddeutsche Landesbank musste neues herbeifahren. Um die DDR-Bürger zu ersten Besuchen in den Westen zu fahren, setzte die Reichsbahn spontan Sonderzüge ein. Die westdeutsche Bundesbahn erfuhr von den Zügen oft erst, wenn diese bereits an der Grenze standen. Doch man tat alles, um den Besuchern eine Fahrt in die Bundesrepublik zu ermöglichen. Auch die Bundesbahn stellte Sonderzüge zusammen, um des Besucherandrangs Herr zu werden.
Kein ganzes Jahr dauerte es danach, bis die DDR am 3. Oktober 1990 durch den Beitritt der neuen Bundesländer zur Bundesrepublik Deutschland zu existieren aufhörte.