Der Überfall: Deutschlands Krieg gegen Polen
Autor: Jochen Böhler
Eichborn Verlag, 1. Auflage
Erscheinung: 3. August 2009
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
ISBN-10: 3821857064
ISBN-13: 978-3821857060
Mit dem Angriff des Schlachtschiffs "Schleswig-Holstein" auf die Westerplatte begann der Zweite Weltkrieg.
Der 1. September 1939 war in Norddeutschland ein herrlicher Spätsommertag mit Temperaturen um die 27 Grad und einem lauen Wind aus nordwestlichen Richtungen. Wer es sich leisten konnte, fuhr übers Wochenende an die Küste oder besuchte die Parks und Schwimmbäder der Städte. Selbstverständlich galt dies aber nur für diejenigen Einwohner, die laut den Nürnberger Rassegesetzen der Nazis "arischer Abstammung" waren: Juden war der Besuch von Bädern und Kurorten bereits 1937 endgültig verboten worden.
Im Seebad Swinemünde auf Usedom brüstete man sich, bereits in den 20er-Jahren Hakenkreuzfahnen gehisst und den Ort nach und nach "judenrein" gemacht zu haben. Aus dem dortigen Hafen lief am 24. August das deutsche Kriegs- und Schulschiff "Schleswig-Holstein" aus, offiziell, um der freien Stadt Danzig einen "Freundschaftsbesuch" abzustatten. Inoffiziell nahm das Schiff in der Nacht vom 24. auf den 25. August auf hoher See 225 ostpreußische Marineinfanteristen an Bord. Kapitän Gustav Kleikamp war bereits am 16. August zum Oberkommando der Marine nach Berlin gerufen und dort in die Angriffspläne gegen Polen eingeweiht worden.
Danzig stand 1939 unter dem Schutz des Völkerbundes.
Danzig mit seiner mehrheitlich deutschen Bevölkerung war nach dem Ersten Weltkrieg zum Freistaat unter dem Schutz des Völkerbundes erklärt worden und lag eingeschlossen vom polnischen Staatsgebiet zwischen den zum Deutschen Reich gehörenden Provinzen Ostpreußen und Pommern. Der Status der Stadt war den Nationalsozialisten schon lange ein Dorn im Auge und Zentrum einer von Joseph Goebbels betriebenen Propagandaschlacht, die lautstark die Forderung erhob, Danzig müsse "heim ins Reich". Dass dies nur als Vorwand diente, hatte Hitler gegenüber führenden Offizieren auf dem Obersalzberg bereits am 23. Mai 1939 deutlich gemacht: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten."
Am Vormittag des 25. August 1939 erreichte die "Schleswig-Holstein" den Danziger Hafen. Hans Lots aus Edemissen bei Peine war 1939 als Maschinist mit an Bord. Er berichtet über den Einlauf in das Danziger Hafenbecken: "Es durfte keiner an Land und die Marineinfanteristen sowieso nicht. Wenn sie auch nur an Deck wollten, mussten sie sich zur Tarnung Kleidung von uns leihen. Nach ein paar Tagen hieß es dann: 'Alle Mann raus, wir sind zur Befreiung Danzigs eingesetzt!'" Um 4.45 Uhr am 1. September 1939 begann schließlich der Angriff auf die "Westerplatte", eine Halbinsel vor Danzig, auf der die polnische Armee ein befestigtes Munitionslager mit etwa 218 Mann Besatzung unterhielt. Die Schüsse der "Schleswig-Holstein" gelten bis heute als Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Reichskanzler Adolf Hitler gab am 1. September 1939 vor dem Reichstag in Berlin den Kriegsbeginn bekannt.
Gegen zehn Uhr morgens ließ Adolf Hitler sich in Berlin zum Reichstag fahren, nachdem die Bevölkerung über den Rundfunk bereits zuvor dazu aufgefordert worden war, sich für eine Ansprache des Führers vor den Radioempfängern einzufinden. Dann sprach er die mittlerweile berühmt-berüchtigten Sätze, die eine völlige Umkehrung der realen Geschehnisse bedeuteten und die Deutschen glauben machen sollten, man führe einen gerechten Verteidigungskrieg: "Ich will nicht den Kampf gegen Frauen und Kinder führen. Ich habe meiner Luftwaffe den Auftrag gegeben, sich auf militärische Objekte bei ihren Angriffen zu beschränken. Wenn aber der Gegner daraus einen Freibrief ablesen zu können glaubt, seinerseits mit umgekehrten Methoden kämpfen zu können, dann wird er eine Antwort erhalten, dass ihm Hören und Sehen vergeht! Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"
Auch wenn Hitler sich aus ungeklärten Gründen um eine Stunde vertat, verfehlte die Rede ihre Wirkung vor allem bei der jüngeren Generation nicht. Der Hamburger Ralph Brauer, Jahrgang 1927, berichtet von seiner Stimmung: "Als meine Mutter mir im Sommer 1939 erzählte, dass es wohl Krieg geben würde, freute ich mich. Es war ja keiner da, der sagte, das gibt eine Katastrophe." Allgemeine Kriegsbegeisterung wie teilweise zu Beginn des Ersten Weltkrieges herrschte dagegen vor allem bei den Älteren nicht. Werner Mork war damals Angestellter in einem Radiogeschäft und hatte den sogenannten "Gemeinschaftsempfang" der Führerrede vorbereitet. Er erzählt: "Alle standen ruhig auf, als das verklungen war, es war ein betretenes Schweigen. Ganz ehrlich: Mir erschien das damals zu wenig. Ich ging also auf den Dachboden, um die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuzfahne zu holen, weil ich dachte, jetzt müsse man doch die Fahnen hissen."