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Übers Wasser in die Freiheit
von Nils Zurawski
Die Flucht über die Ostsee bot einen vermeintlich offenen Weg in die Freiheit.
Am 4. September 1989 kam der letzte Ostsee-Flüchtling aus der DDR am rettenden westdeutschen Ufer an. Die letzten Meter legte der Ostseeschwimmer an Bord einer Fähre zurück, die ihn kurz vor Travemünde aus dem Wasser gefischt hatte. Mario Wächtler hatte die DDR durch die Ostsee verlassen - wenige Wochen später standen die Grenzen offen und eine Flucht wäre nicht mehr nötig gewesen.
Auf dem gleichen Weg waren Alfred Kostbade und seine Familie fast genau ein Jahr zuvor aus der DDR geflohen - allerdings nicht schwimmend, sondern mit einem Boot. Denn im Gegensatz zur Berliner Mauer und dem menschenverachtenden Todesstreifen entlang der deutsch-deutschen Grenze, bot die Ostsee einen vermeintlich offenen Weg in die Freiheit. Die vorgelagerten Inseln Dänemarks und Fehmarn auf deutscher Seite sowie Travemünde und die Travemünder Bucht waren nah genug, um eine Flucht dorthin zu wagen.
DDR-Leben ohne Perspektive
Die berufliche Aussichtslosigkeit war für viele DDR-Bürger der Grund, das Land für immer zu verlassen.
Alfred Kostbades Beweggründe, die DDR für immer zu verlassen, waren vergleichbar mit denen vieler DDR-müder Bürger. Der Elektromeister und NVA-Reserveoffizier, damals 41 Jahre alt, sah für sich keine Perspektive mehr. Sein Traum war es, sich mit einem Geschäft für Antennentechnik in seinem Heimatort Neubukow an der Ostsee, nicht weit von Kühlungsborn, selbstständig zu machen. Immer wieder beantragte er bei den Behörden die notwendigen Papiere - doch die lehnten ab. Für ein solches Geschäft bestehe kein Bedarf, hieß es lapidar. Immer wieder versuchte er Verbesserungen in seinem VEB, wo er als Betriebsleiter einen guten Posten hatte, durchzusetzen. Doch er wurde ausgebremst, seine Vorschläge verhindert oder einfach ignoriert.
Alfred Kostbade hielt nicht still, "ich habe den Mund aufgemacht", betont er heute. Daraufhin habe man ihn "kaltgestellt" und von seiner bisherigen Position abgezogen. Er durfte nur noch einfache Tätigkeiten ausführen. Aus dem kompetenten Betriebsleiter wurde ein einfacher Heizer. Für ihn war klar, dass er in der DDR keine Zukunft mehr hatte.
Um Fluchtversuche zu verhindern, wurden Grenztürme entlang der Küste errichtet.
Noch 1987 durfte er allein in den Westen zu seiner Tante reisen. In die DDR kehrte er damals nur zurück, weil seine Familie als Faustpfand in der DDR festsaß. Seiner Frau Renate und den beiden fast erwachsenen Kindern Doreen und Marco, damals 17 und 18 Jahre alt, hätte der Staat nach einer Flucht des Familienvaters das Leben im Arbeiter- und Bauernstaat unerträglich gemacht. "Das war Sippenhaft!", empört er sich noch heute. Als Renate Kostbade ein Jahr später ebenfalls Verwandte im Westen besuchen wollte, durfte sie nicht mehr ausreisen.
Die Familie entschloss sich zu einem radikalen Schritt und stellte einen Ausreiseantrag. Damit war klar, dass weder die Eltern noch ihre beiden Kinder eine Zukunft in der DDR hatten. Der Druck von Seiten der Behörden, vor allem durch die Staatssicherheit, wurde unerträglich - das betraf nicht nur die berufliche Situation der Eltern. Systematisch überwachte die Stasi von nun an die Familie und gab sich keine große Mühe, dies zu verheimlichen. So entschied sich die Familie zur Flucht. Die Kostbades wohnten an der Ostsee, kannten das Wasser und konnten die Gefahren einschätzen. Alfred Kostbade selbst war jahrelang im Club der Hochseeangler und kannte sich auf dem Meer gut aus. Dank der Nähe zum Binnenmeer und der guten Ortskenntnisse konnten sie so unauffällig ihre Republikflucht vorbereiten.