Einweihung der Villa Seligmann - Das Programm
Jüdische Orgel- und Chormusik im Europäischen Zentrum für Jüdische Musik mehr
Als "herausragendes Ereignis" für die Stadt Hannover, das Land Niedersachsen und die Bundesrepublik Deutschland hat Bundespräsident Christian Wulff die Einweihung des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik (EZJM) in der sanierten Villa Seligmann in Hannover bezeichnet. Bei der Wiedereröffnung jüdischer Einrichtungen in Deutschland handele es sich um einen "Akt der aktiven Reue und der lebendigen Erinnerung" sagte Wulff mit Blick auf den Holocaust. "Deshalb geht die Eröffnung dieser Villa Seligmann die gesamte Republik an." Er hoffe zudem, dass künftig viele Bürger aus der ganzen Welt nach Hannover kommen, um das Musikzentrum zu sehen. "Dann wird das ein wahrhaft großer Ort, von dem vieles ausgeht", schloss Wulff seine Rede.
Bundespräsident Wulff kam seit dem Bekanntwerden seiner Kredit- und Medienaffäre zum ersten Mal zu einem Termin nach Niedersachsen. Ein im Anschluss an die Eröffnungsfeier geplantes Gespräch mit dem NDR sagte das Bundespräsidialamt indes am Dienstagnachmittag kurzfristig ab. Eine Begründung gab es dazu nicht.
In seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident hatte sich Wulff für die Villa Seligmann und das Europäische Zentrum für Jüdische Musik engagiert. Dafür dankte ihm sein Nachfolger, David McAllister (CDU), der ebenfalls ein Grußwort zur Eröffnung des neuen jüdischen Musikzentrums sprach. Wulff habe frühzeitig die historische Verantwortung für die jüdische Kultur erkannt. "Ohne sein Engagement wäre dieser Tag heute nicht möglich gewesen", sagte McAllister unter lautem Applaus der 130 geladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Auch Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) hob Wulffs Engagement mit den Worten hervor: "Sie haben sich an dieser Stelle wirklich verdient gemacht."
Zur Einweihung spielte Andor Izsák auf Deutschlands einziger Synagogen-Orgel, die die Reichspogromnacht überstanden hat.
Dass die Villa Seligmann heute wieder prunkvoll strahlt, ist Andor Izsák zu verdanken. Der Direktor des EZJM hatte ein Haus mit jüdischer Geschichte als Sitz für das Zentrum gesucht. Die Villa sei eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse des jüdischen Bürgertums in Hannover vor der Schoah, sagte der Professor für synagogale Musik. Sie gehörte einst dem früheren Continental-Direktor Siegmund Seligmann. Künftig soll dort sakrale jüdische Musik und Musikgeschichte als Zeugnis jüdischen Lebens und Geistes dokumentiert, wissenschaftlich erforscht und in öffentlichen Veranstaltungen zugänglich gemacht werden. Das Haus ist als Forschungs- und Begegnungsstätte konzipiert.
Die Mesusa ist eine kleine Schriftrolle in einer Kapsel, die am rechten Türpfosten jüdischer Häuser befestigt wird. Das Wort Mesusa stammt aus dem Hebräischen und bedeutet Pfosten. Auf der Pergamentrolle stehen Verse aus dem fünften Buch Mose, Kapitel 6. Sie beinhalten das Grundgebot, Gott über alles zu lieben, seinem Gebot zu folgen und es an seine Kinder weiterzugeben. Die Mesusa soll jede Person, die in dem Haus lebt, beim Betreten und Verlassen des Gebäudes an ihr Abkommen mit Gott erinnern. Gläubige Juden berühren die Mesusa ehrfurchtsvoll mit den Fingerspitzen und küssen diese, wenn sie das Haus betreten oder verlassen.
Zu Beginn der Einweihung des Musikzentrums brachte Andor Izsák die Mesusa, eine Schriftrolle mit einem jüdischen Gebet, am Eingang der Villa an. Damit wurde nach jüdischer Tradition Schutz für die Bewohner des Hauses erbeten. Im Anschluss an die Grußworte spielte Izsák erstmals nach dem Holocaust die mächtige Berliner Orgel, die als einzige deutsche Synagogen-Orgel die Reichspogromnacht überstanden hat und lange als verschollen galt. Anschließend sang der Europäische Synagogalchor unter der Leitung Izsáks.
Dieses Konzert war gleichzeitig Eröffnung einer zweiwöchigen Reihe. Zu den einzelnen Musikabenden soll ebenfalls die historische Berliner Synagogen-Orgel in der Großen Halle erklingen und es werden laut Veranstalter einige Überraschungsgäste erwartet. Die ersten Konzerte sind allerdings bereits ausverkauft - nur noch für wenige Veranstaltungen sind Restkarten erhältlich.