Stand: 06.07.2017 16:26 Uhr

Stanišić: "Es gibt kein Wort für alle Wörter"

Saša Stanišić, der in Hamburg lebende Autor der Romane "Wie der Soldat das Grammofon repariert" und "Vor dem Fest", hat NDR Kultur anlässlich der Produktion seines neuen Hörspiels "Georg Horvath ist verstimmt" im Studio besucht. Im Gespräch mit NDR Kultur-Redakteur Michael Becker erzählt er von den Widersprüchlichkeiten im Leben seiner kauzigen Hauptfigur und davon, was das mit ihm als Schriftsteller zu tun hat.

Guten Morgen, Saša! Von hinten nach vorne, denn Musik wird uns gleich noch mal beschäftigen: Was ist dein aktueller Lieblingssong?

Saša Stanišić: Mein Lieblingssong?  Das sind so wahnsinnig viele. Also, ich mag die Band The Decemberists, und der Song heißt "The Engine Driver". Eine Zeile darin lautet "I am a writer, writer of fictions". Das Lied handelt von einem Schriftsteller, der verliebt ist, aber nicht weiß, wie er diese Liebe äußern soll, und er sagt irgendwann, "Ja, ich werde dir ein Buch schreiben, nur damit du weißt, dass ich so viel Liebe in mir habe, dass es nur in Hunderte von Seiten reinpasst." Total kitschig, aber auch total geil. Es ist ein sehr wichtiges Lied für mich, weil ich das bewusst immer dann höre, wenn ich beim Beenden von Sachen bin. Wie so ein Ritual. Wenn es läuft, dann weiß ich, jetzt beginnen die letzen Züge an einem Stück, an einer Geschichte. Dann weiß ich, ok, das ist jetzt das Finale.  

Die Schauspieler von "Georg Horvath ist verstimmt"

Dein neues Hörspiel "Georg Horvath ist verstimmt" basiert auf drei Kurzgeschichten, die du bereits in Deinem Erzählband "Fallensteller" publizierst hast. Wie würdest du heute, ein Jahr nach der Veröffentlichung, diesen Erzählband in deinem bisherigen Werk verorten?

Stanišić: Es war mir wichtig, die kurze Form auszuprobieren. Ich wollte mir ein bisschen beweisen, dass ich das kann, weil ich unheimlich gern Kurzgeschichten lese. Das ist eine schwierige Form, weil man sich - gerade wenn man, wie ich, gewohnt ist, mosaikartig zu erzählen - zurückhalten muss. Und die zweite Schwierigkeit war, dass die Geschichten fast alle politisch sind und ich aber gleichzeitig nicht eine moralische Figur installieren wollte, sondern durch Sprache und Geschichten unterschiedliche Fragen über unsere Gesellschaft stellen wollte.

Und gleichzeitig ist es eine Art Rückblick auf die Jahre, die Erlebnisse, die Reisen zwischen deinen Romanen. Ich stelle mir Saša Stanišić so ganz klassisch beim Schreiben vor, fast konservativ, sehr sortiert an seinem Schreibtisch, vor 1.000 Polaroids mit wiederum 1.000 darin hinterlegten Details neuer Geschichten …

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Viele von Saša Stanišićs Geschichten sind auf Reisen entstanden.

Stanišić: Ja, ich bin Saša Stanišić and I am a writer of fictions ... Diese Geschichten begleiten die letzten zehn Jahre meines Lebens, meines Schreiblebens. "Schreib mich, schreib mich, schreib mich, ich will da raus", haben sie geflüstert. Einige davon handeln von Reisen oder sind auf Reisen entstanden. Haben auch "die Reise an sich" als Thema. Es sind Bewegungsgeschichten, die unsere Welt als etwas erfassen wollen, das nicht still steht, das sich mit uns mit bewegt, das mit uns auf der Reise gestaltet wird. Es sind oft privilegierte Gestalten, die sich das Reisen leisten können, und sie stehen aber auch gleichzeitig im Kontrast zu denen, die reisen müssen, weil sie vertrieben werden und weil sie fliehen mussten. Einige von denen sind durch ihr Erbe, durch gute Jobs privilegiert, andere gönnen sich das Reisen als Luxus, andere sind durch die Verluste, die sie in ihrer eigenen Heimat erlitten haben, dazu gezwungen. Auch ich bin inzwischen im Leben an einer Stelle angekommen, an der das Reisen ein Privileg geworden ist. Gleichzeitig habe ich immer im Kopf, dass es für mich einmal eine Reise gegeben hat, die von Zwängen und Nöten gestaltet worden ist.

Georg Horvath, die Hauptfigur deines Hörspiels, reist auch aus mehreren Beweggründen. Wenn du, writer of fiction, die Plotline von "Georg Horvath ist verstimmt" formulieren müsstest, in drei Sätzen, wie würde die lauten?

Stanišić: Ein erfolgreicher Geschäftsmann geht auf eine Dienstreise nach Brasilien, wird dort von Erinnerungen über sein Privatleben derart übermannt, dass ihm als die einzige mögliche Lösung eine Flucht aus diesem, seinem eigenen Leben erscheint, und dabei endet er auf einer Vogelbeobachtungsstation mitten im Dschungel. Ich glaube, das waren sogar nur zwei Sätze, leider.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Hörspiel | 12.07.2017 | 20:00 Uhr

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