Stand: 15.03.2016 14:00 Uhr

Der Kampf ums kulturelle Erbe in Timbuktu

von Jens Borchers

Drei Jahre nach der offiziellen Befreiung ist die Sicherheitslage in der Region noch immer schlecht, fast täglich werden aus dem Norden Malis Anschläge radikaler Gruppen gemeldet. Dennoch schauen die Menschen nach vorn: Timbuktus Weltkulturerbe - die berühmten Manuskripte, die Bibliotheken und Mausoleen, beschädigt oder zerstört durch die Islamisten - wird in mühsamer Arbeit restauriert. Mit Entwicklungsprojekten versucht man einer Stadt zu helfen, die reich an Kultur, aber arm an wirtschaftlichen Möglichkeiten ist.

Die Kulturschätze von Timbuktu

Timbuktus Moschee Djingareyber - hier versammeln sich die Gläubigen, um ihrer Version des Islam zu folgen. In Timbuktu sind die Zeiten des Islamismus vorerst vorbei. Die malische Sängerin Inna Modja hat Timbuktu einen Song gewidmet. Darin beschreibt sie die dunkle Zeit der Islamisten-Invasion vor vier Jahren, als Mitglieder der Terroristen-Miliz "Ansar Dine" die Wüstenstadt eroberten. Sie verboten Fußball zu spielen, verbannten die Frauen vom Markt in die Häuser und brachten die Musik zum Schweigen. Mit Megaphonen zogen sie damals durch die Stadt. Die Mujaheddin von Kidal, Gao und Timbuktu, sagten sie damals, verbieten die Verbreitung von Musik. Die Extremisten machten sich anschließend daran, die Jahrhunderte alten Kulturdenkmäler zu zerstören. Für sie waren das unislamische Denkmäler.

Spitzhaken und schwere Hämmer brachten damals die alten Mausoleen Timbuktus zum Einsturz. Von den Grabstätten muslimischer Heiliger blieben nur Trümmerhaufen übrig. Jetzt, vier Jahre danach, sind die Mausoleen mit internationaler Hilfe wieder aufgebaut und die Schlüssel dazu wieder an ausgewählte Familien der Stadt übergeben worden. Sani Chiri ist ein Vertreter dieser Familien, er ist erleichtert über die Rekonstruktionen: "Das ist ein wichtiges Zeichen für den Frieden. Die Mausoleen sind Symbole der Gemeinschaft, der Gemeinsamkeit. In Timbuktu gibt es so viele unterschiedliche Volksgruppen: Araber, Kunta, Bambara."

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Timbuktu galt als Stadt der Toleranz. Und als Stadt der Weisheit. Zehntausende Schriften lagerten hier in einer Bibliothek. Die Dschihadisten hatten sie in Brand gesetzt, kurz bevor französische Soldaten Timbuktu 2013 befreiten. Aber ein Großteil der Manuskripte war zuvor aus der Stadt geschafft worden. Abdel Kader Haidara hatte dafür gesorgt, weil er geahnt hatte, dass sich die Extremisten daran vergreifen würden. Und Haidara sagt, diese Schriften sind wichtig für Timbuktu und ganz Mali: "Das sind interessante Themen in diesen Manuskripten: Sie sprechen davon, wie Konflikte gelöst werden können. Von Menschenrechten, von Politik, von Reisen. Da ist von Korruption und guter Regierungsführung die Rede."

Politik, Korruption, gute Regierungsführung oder Konfliktlösung - das sind alles Themen, die heute für Timbuktu immer noch eine wichtige Rolle spielen. Die Manuskripte werden jetzt digitalisiert. Sie werden - wenn nötig - wiederhergestellt und restauriert. In Timbuktu ist mit dem Wiederaufbau der Mausoleen und der Sicherung der alten Manuskripte die kulturelle Seele der Stadt wieder hergestellt und gerettet worden.

Immer wieder Angriffe durch die Dschihadisten

Aber die Lage der Stadt und der Region ist alles andere als sicher. Immer wieder greifen Dschihadisten die Kaserne der Friedenstruppe der Vereinten Nationen MINUSMA in Timbuktu an. Sie haben eine Schweizerin entführt, die seit Jahren in der Stadt lebte. Zum zweiten Mal, sie war bereits einmal Opfer eines Kidnappings gewesen. Und die Menschen in Timbuktu kämpfen nach wie vor mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage. Verschiedene Organisationen versuchen, mit Projekten eine Starthilfe zu geben. Timbuktu war vor der Dschihadisten-Invasion ein beliebtes Touristenziel. Jetzt kommen kaum noch Reisende. MINUSMA, die Friedenstruppe der Vereinten Nationen, steckt Geld in einfache Infrastrukturprojekte. Das kleine Fußballstadion Timbuktu ist wieder hergestellt worden. Auf dem Markt stehen jetzt neue Verkaufsstände, die mit Sonnenschutz versehen wurden. Awa Faye von der MINUSMA leitet das Projekt: "Hier auf dem Markt sind Frauen unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher Volksgruppen. Sie sprechen miteinander, sie tauschen sich aus, sie bauen wieder Vertrauen zueinander auf, während sie hier ihren Fisch verkaufen. Das ist wichtig. 2013 war das hier kaum zu sehen."

Weil die Menschen einander misstrauten. Weil viele Angst hatten. Jetzt kämpfen sie mit der miserablen Wirtschaftslage. Junge Männer vor allem heuern immer wieder mangels anderer Perspektiven bei den Extremisten an, die irgendwo in der Wüste ihre Lager haben. Die Furcht vor Anschlägen ist immer noch da in Timbuktu. Aber ein neues Gefühl zurück gewonnener Freiheit auch. Der Freiheit, von der die Musikerin Inna Modja singt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 15.03.2016 | 16:20 Uhr