17 Clubs in einer Nacht? Eine schwindelerregende Herausforderung. "Random Play" heißt das erstmals in Hannover veranstaltete Festival, zu dem die teilnehmenden Clubs ihre Tore öffnen und ein abwechslungsreiches Musikprogramm versprechen. Damit uns nicht schwindelig wird, haben wir diesen straffen Zeitplan entworfen:
20.00: Ich kann fliegen, Musikzentrum
21:00: Little Pictures, Wanderclub
21:50: Bilderbuch, Spandau
22:30: Telekinesis, Faust
23.15: The High Queens, Spandau
23.50: French Dressing, Wanderklub
0:45: The Thermals, Faust
1:45: Noetics, Faust
Nikolas Stege von der Band "Ich kann fliegen" im Musikzentrum
Das Musikzentrum ist schon recht gut gefüllt: etwa Hundert Leute unter ihnen Tobsi und Kristel. Auf der großzügigen Bühne präsentieren die fünf smarten Burschen von 'Ich kann fliegen' aus Hannover indie-lastigen Liebesrock. Ganz vorne stehen junge Mädels mit leuchtenden Augen und leuchtenden Handydisplays. Becks aus der Flasche: 2,50 Euro. Die Musik ist eingängig, der zwei- und dreistimmige Gesang überzeugt. Tobsi - kein Freund von schlichter Liebeslyrik - sagt augenzwinkernd: "Ihre Instrumente können sie ja immerhin halten". Kristel meint: "Die sind so jung, die glauben noch an die Liebe". Der leidenschaftlichen Aufforderung des Sängers: "Bleib bei mir!" können wir dann aber nicht mehr nachkommen - wir haben ja unseren Zeitplan.
Die "Fünf vor der Ehe" in der Jugendkirche Lutherkirche
Auf dem Weg zum Kiosk komme ich an der Jugendkirche Lutherkirche vorbei und entscheide mich für eine kleine Abweichung vom Zeitplan – ein kurzer Blick kann ja nicht schaden. Das Foyer ist von Kerzen erleuchtet, die Begrüßung ausnehmend freundlich. Der Innenraum der Kirche leuchtet in mystischem Blau. Auf der Hauptbühne tanzen und singen fünf junge Männer - der Beat dröhnt irgendwo aus dem Nebel, der den ganzen Kirchenraum erfüllt. Die etwa 50 Besucher fallen in das Stück mit ein - ein Stück von den Backstreet Boys. Milchkaffee: 1,50 Euro. Meinem Plan entnehme ich, dass es sich um die A-Capella-Pop-Gruppe "Fünf vor der Ehe" aus Hannover handelt. Tobsi und Kristel sind bestimmt schon im Wanderklub angekommen. Weiter geht`s!
Blick vom Wanderklub über Hannovers Innenstadt.
Auf den Wanderklub im Anzeigerhochhaus in der Innenstadt bin ich schon sehr gespannt. Der Fahrstuhl fährt in den 7. Stock in Hannovers schönstes Kino, das für heute abend offensichtlich zu einem Club geworden ist. Ich bin beeindruckt: Der erhabene Kinosaal hat sich in eine feinste Lounge mit exzellentem Lichtdesign verwandelt. Wir stehen auf einem großen Podest - unter uns die Kinosessel. Was für ein Aufwand! Longdrink: 5,00 Euro. Auf der Bühne hatten wir die 'Little Pictures' erwartet. Tobsi klärt mich auf: "Das sind noch 'Open Synth' aus Hannover". Fünf freundliche Gesichter, die konzentriert an den vor ihnen aufgebauten Samplern, Drum-machines, Synthesizern und Was-weiß-ich-noch-alles, 'rumschrauben und drehen. Ihre entspannten Klänge steigern die anheimelnde Athmosphäre des Wanderklubs. Wir staunen ein bisschen, dass so viele Musiker so minimalistisch klingen können, und bevor wir uns richtig eingrooven, ist ihr Programm zu Ende – irgendwie schade.
21.31 Uhr:
Wir nutzen die Zwangspause für einen Besuch auf dem Balkon. Der Blick von hier oben über Hannovers hell erleuchtete Innenstadt versetzt uns in Hochstimmung.
Little Pictures im Wanderklub
Drinnen geht es offensichtlich weiter. 'Kindergartendadapop' aus Neuseeland steht auf dem Programm: ein singender Mann mit Okulele und Notebook – eine singende Frau mit einem kleinen Kinder-Vibraphon. Die charmante Aufführung von "Little Pictures" ist entweder mehr Performance als Konzert, oder die beiden haben irgendwie Pech. Als die Sängerin, die nervös mit ihrem Mikrofon laut polternde Geräusche erzeugt, bei einer Cover-Version von "Every Day" den Instrumental-Part vergisst, entschuldigt sie sich beim Publikum und bei Buddy Holly. Der Fehler ist schnell verziehen. Kristel findet die Darbietung "süß", mir tun die beiden irgendwie leid. Tobsi ist zwar angetan, erinnert uns aber an den Zeitplan: "Was steuern wir als nächstes an?".
Die Band "Bilderbuch" im 'Spandau'
Im 'Spandau' in der Nordstadt spielt eine vierköpfige Band aus Wien: "Bilderbuch". Wie aus dem Bilderbuch sieht schon der Club aus: schicke Sessel, schicke Bedienung, schickes Licht und schicke Menschen. Wer die Band sehen will, wird in den Keller geschickt. Dort ist es eng und voll. Obwohl wir es zunächst nicht schaffen, bis zur Band vorzudringen, gefällt uns, was wir hören: griffiger, innovativer und druckvoller Rock - alles andere als langweilig. Bionade: 2,30 Euro. Die Musik wird immer besser. Tobsi und ich beschließen, dass wir die Band nicht nur hören, sondern auch sehen wollen – also, rein ins Getümmel. Hinten ist es noch enger und noch voller. Tobsi meint, vorne sei noch Platz, und er hat Recht: Vor der Bühne des klitzekleinen Kellerraumes ist tatsächlich reichlich Platz, während sich das Publikum im hinteren Teil des Raums drängt.
"Bilderbuch" haben es in sich. Den Drummer – mit 'At the Drive Inn'-Shirt - hält es kaum auf seinem Hocker. Gekonnt prügelt er auf Trommeln und Becken ein und singt dabei souverän die zweite Stimme. Der Sänger und Gitarrist hat sichtlich Spaß an der Sache und sammelt durch eigensinnige Ansagen mit österreichischem Dialekt weitere Sympathiepunkte. Die noch ziemlich jungen Jungs kommen schon jetzt mit der Gelassenheit erfahrener Musiker daher, und das Publikum zieht den Hut: Wien rockt!
In der 'Faust' sehen wir gerade noch die letzte Minute von Telekinesis. Die standen in meiner Favoritenliste weit oben. Einbecker 2,30 Euro. Wir treffen Dennis und Raffi – die fanden das Konzert klasse, warten aber eigentlich schon den ganzen Abend auf 'The Thermals' so wie ein Großteil der zahlreich anwesenden Gäste auch.
23.19 Uhr:
Wir versuchen, die Wartezeit zu überbrücken und machen uns auf den Weg zu einem der Festival-Shuttles. Der Weg zur Haltestelle ist weit – ein Shuttle ist nicht in Sicht. Kristel wird müde. Es regnet.
Gespannt wartet das Publikum in der "Faust" in Hannover auf den Auftritt der Band "The Thermals"
Wieder zurück in die 'Faust'zum Top-Act des Abends. Immer noch wartet das Publikum gespannt auf 'The Thermals' - endlich fangen sie an. Das geneigte Publikum hopst rum und hat ordentlich Spaß an der Dreierkombo aus Portland (USA). Nicht zuletzt wohl auch wegen der kernigen Bassistin. Die Riffs sind eher schlicht, der Schlagzeuger peitscht erbarmungslos seine Snaredrum. Ich schaue nebenan im 'Mephisto', den 'Noetics' beim Soundcheck zu. (Einbecker 2,30 Euro). Kristel ist jetzt so müde, dass sie sich verabschiedet. Tobsi bleibt bei den 'Thermals', macht aber auch keinen hochbegeisterten Eindruck.
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Wir machen es uns im 'Mephisto' gemütlich. Genüsslich geben wir uns hier den raffinierten Grooves der großartigen 'Noetics' hin. Präzise und konzentriert bewegt sich diese Instrumentalband aus Hannover durch ihre hypnotischen Songs und zaubert eine versöhnliche Stimmung. Space-Lounge meets Gitarre und Schlagzeug - mit einem Keyboarder, der ständig in Bewegung, für den markanten Elektro-Sound sorgt. Genau das Richtige für diesen Moment.
02:39 Uhr:
Müde und zufrieden schlendern wir durch den Regen nach Hause.