Stand: 04.08.2017 11:46 Uhr

Scharfe Töne und bayrische Klänge

von Thorsten Philipps

"Lampenfieber oder Rampenfieber - die einen sagen so, die anderen so", so beschreibt Kabarettist Gerhard Polt seine Nervosität vor dem Auftritt, die dem 75-Jährigen äußerlich gar nicht anzusehen ist. Mit angenehmer tiefer Stimme erzählt er scheinbar ganz entspannt, wie es beim SHMF-Auftritt am Freitag in Wotersen war. Die Unterschiede zwischen Bayern und Norddeutschen beschreibt er vielsagend: "Vive la difference - die Unterschiede gibt es allwei".

Viele Polt-Fans im Norden

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Gerhard Polt und die Wellbrüder aus'm Biermoos bringen ihre norddeutschen Fans in Wotersen ordentlich in Wallung.

Der Bayer aus Neuhaus kommt bei den Norddeutschen gerade wegen seiner Andersartigkeit gut an. "Das ist mal eine andere Mundart, das hat was Eigenes, das mir gefällt", beschreibt Heike Stöcker aus Pönitz die Faszination für den Kabarettisten und Schauspieler. Ihr Mann Frank, der seit 30 Jahren Polt-Fan ist, sagt nach dem Auftritt: "Großartig, ihn mal live zu sehen. Toll!" Für beide ist das Ambiente in Wotersen genau richtig: "Schleswig-Holstein pur - einfach super."

Witze von langer Hand geplant

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Polt trifft auch den hiesigen Humor mit seiner besonderen Art. Ein Witz wird nicht selten minutenlang aufgebaut bis er dann "zündet".

Polt ist also ein Fremder, der die Massen in ihrer Heimat beim Schleswig-Holstein Musikfestival mit Kabarett vom Feinsten beglückt. Witze, die keine Kalauer im Sekundentakt sind, sondern als Thema minutenlang aufgebaut werden, sodass nach einer Minute der erste Schmunzler kommt und drei Minuten später, der ganze Saal brüllt. "Die Kinder, die wissen doch gar nicht mehr wie man grüßt und dann diese Eltern, die sprechen nur noch Englisch mit dem Jungen, der 'Jaison' heißt und wundern sich, dass er seinen Grießbrei nicht isst - kein Wunder, weil sie ihn vorher mit Chips vollgestopft haben. Es sind alles nur noch Wunderkinder. Kein Wunder, dass es nur noch Wunderkinder gibt, das sagt ihnen jeder private Musiklehrer, dass ihr Kind ein Wunderkind ist, und warum? Weil er am verhungern ist!", wettert Polt mit der piepsigen Stimme einer alten Rentnerin mit bayrischem Dialekt.

Kritik an Gesellschaft und Spießbürgertum

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"Wunderschöne alpenländische Musik, die bis zum Ironisieren geht", beschreibt Polt die Klänge seiner Mitstreiter.

"Wir sind alte Polt-Fans seit über 30 Jahren - sein Humor ist so bissig und treffend", sagt Wolfgang Petersen aus Neudorf und Karin Röhrich gefällt einfach, dass Polt so einen eigenen speziellen Humor hat. Da geht Peter Daschner noch einen Schritt weiter: "Polt ist der Größte, weil er es schafft, die Verhältnisse zu kritisieren, ohne dass er es oberflächlich macht und einzelne kritisiert - er lässt Volkes Stimme sprechen." Magrit Rebekka pflichtet bei: "Ich finde ihn auch richtig komisch - einer der Besten, die wir haben."

Eroberung mit Tuba und Alphorn

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Gerhard Polt und die Wellbrüder erobern beim Konzert in der Reithalle in Wotersen die rund 800 Menschen im Publikum.

Mit Tuba und Alphorn erobern auch die Well-Brüder die 800 Menschen - mit ihrer schrägen teilweise atonalen Musik, die für Gerhard Polt etwas ganz besonderes darstellt: "Eine wunderschöne alpenländische Musik, die eine eigene Rhythmik hat und eine eigene Tradition hat, die bis zum Ironisieren geht." Polt ist nicht einfach einer aus der Kategorie "Schenkelklopfer", die Menschen lieben seine Gesellschaftskritik über Spießbürger und Besserwisser, die sich unnötig aufregen. Witze zum Dieselskandal übrigens: Fehlanzeige! "Da haben heute doch schon Tausende ihre Witze gemacht, da muss ich das nicht auch noch machen." - Polt ist eben wirklich anders, und das ist genau das, was die meisten an ihm schätzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Von Binnenland und Waterkant | 04.08.2017 | 20:00 Uhr

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