Stand: 16.08.2015 15:30 Uhr

Von der Witzfigur zur Königin der Melancholie

von Karin Erichsen

Die Viola: das Stiefkind in der Streichergruppe, das Instrument für gescheiterte Geiger, die Witzfigur im Orchester - mit diesen alten Klischees wollten die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern an diesem Wochenende in Ulrichshusen aufräumen. Gemeinsam mit dem Bratschisten Nils Mönkemeyer hatten sie unter dem Motto "360 Grad Viola" zu einem dreitägigen Bratschenfestival eingeladen, bei dem das Instrument in allen seinen faszinierenden Facetten vorgestellt worden ist.

Das Festival begann mit einem Konzert, das die Festspielbesucher schon einmal gehört hatten - Telemanns Bratschenkonzert. 1990 beim Gründungskonzert der Festspiele im Greifswalder Dom hat der damalige Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, die Viola gespielt. Am Sonnabend, 25 Jahre später, in der Jubiläumssaison der Festspiele, hat Nils Mönkemeyer sein Bratschenfestival mit diesem Konzert eröffnet. Denn es ist, so Mönkemeyer, das wohl erste Konzert für Bratsche, das überhaupt geschrieben wurde. Und das durfte natürlich nicht fehlen. Zumal es ein schwungvoll virtuoses Werk ist, in dem die Bratsche glänzen kann.

Und das tat sie an diesem Wochenende nicht nur einmal. Warm, rund und volltönend erklang sie in Kammermusikwerken von Schumann, Bach oder Brahms. Derb, kratzig und aufgedreht in den Impressionen aus der spanischen Barockmusik, die das Publikum mitgerissen haben.

Ehrenrettung für ein Instrument: Bratschen-Festival Ulrichshusen

Vom Wald zum Klang

Aber nicht nur die Konzerte kamen bei den Besuchern gut an, es war vor allem auch das umfangreiche Begleitprogramm. So hatte Nils Mönkemeyer seinen Geigenbauer Peter Erben aus München mitgebracht, der in einer offenen Werkstatt zeigte und sehr unterhaltsam erzählte, wie eine Bratsche entsteht. Dass er zum Beispiel tagelang Bäume, vorzugsweise Fichten abklopft, um schon im Wald zu erkennen, welches Holz sich wohl besonders für die Instrumente eignen wird, sorgte für großes Erstaunen.

Von Peter Erben inspiriert, hatten zwei Studierende der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg zudem eine Ausstellung entworfen, in der sie den Eigenheiten der Bratsche nachspürten und an deren Anfang ein dickes Stück aus einem Fichtenstamm stand.

Tränenbenetzt - Einblicke in den Kulturbetrieb

Eine regelrechte Lehrstunde erhielten die Besucher des Festivals bei der Uraufführung des Auftragswerkes "Tränenbenetzt" für Viola und Klavier von Philipp Maintz am Sonnabend. Nachdem Nils Mönkemeyer und William Youn das etwa 15-minütige, hochkomplexe Werk präsentiert hatten, schloss sich ein Podiumsgespräch mit dem Komponisten an, in dem es um die technischen Besonderheiten und die Aussage des Werkes ging. Da wurden die Konzertgäste Zeuge, wie einer zeitgenössischen Komposition universelle Bedeutung zugemessen werden kann, schlicht indem ihr ein Zitat des antiken Dichters Hesiod zur Seite gestellt wird - ein kurioser Einblick in die Praktiken des Kulturbetriebs.

Nachtviolen im Kerzenlicht

Ein neues Konzertformat erprobten die Festspiele am Sonnabend mit einem meditativen Nachtkonzert bei Kerzenlicht in der Scheune von Ulrichshusen. Unter dem Motto "Nachtviolen" spielte Nils Mönkemeyer mit drei seiner Studentinnen, die man zuvor in einer offenen Meisterklasse bereits kennengelernt hatte, Werke von Hildegard von Bingen, John Cage und Johann Sebastian Bach. Die Musiker standen an unterschiedlichen Stellen in der Scheune, die Zuhörer saßen in losen Gruppen dazwischen. Ein Konzept, das sehr viel Anklang fand, wie überhaupt das gesamte Wochenende.

Künstlerisches Aushängeschild der Festspiele

Viele Besucher waren von weither angereist, um das Bratschenfestival zu erleben. Viele waren zum ersten Mal in Ulrichshusen und verbrachten alle drei Tage dort. So ist das Bratschenfestival für Nils Mönkemeyer ein großer Erfolg und für die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern zudem ein künstlerisches Aushängeschild geworden.  

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