Stand: 15.07.2017 11:48 Uhr

Festspiele MV: Tango am Marx-Engels-Platz

von Karin Erichsen, NDR 1 Radio MV

Im Kulturhaus Mestlin haben das SIGNUM Saxophon Quartett und Martynas Levickis das Publikum der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern gerockt. Die Ensemble-Preisträger des vergangenen Sommers und der junge Akkordeonspieler präsentierten Arrangements nach Ravel und Piazzolla und Musik vom Balkan. Das Kulturhaus wurde mit dem Spielstätten-Preis des Festivals ausgezeichnet.

Es staubte nur so um den Ort Mestlin herum. In der Abendsonne nach einem trockenen Tag holten riesige Erntefahrzeuge das Getreide von den Feldern. Dieses Bild wird sich den Festspielbesuchern ab jetzt bei der Anfahrt zu Konzerten vielfach bieten, denn die Spielorte liegen ja mitten auf dem Lande - so wie das ehemalige DDR-Musterdorf Mestlin nahe Goldberg. In den 1950er Jahren ist es vom damaligen kommunistischen Regime planmäßig angelegt worden: mit symmetrisch angeordneten Wohnblöcken um den zentralen Marx-Engels-Platz herum. Den Platz selbst dominiert ein gigantisches, im neoklassizistischen Stil errichtetes Kulturhaus. Und genau dort spielte die Musik.

Blätternder Putz im Kult(ur)-Tempel von Mestlin

Nachdem der Koloss nach der Wende mehrere Jahre leer stand, kümmert sich nun der Verein "Denkmal Kultur Mestlin" um den Erhalt des Gebäudes und dessen Nutzung als Kulturstätte. Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern sind seit einigen Jahren regelmäßig zu Gast. Zwar blättert der Putz von der Fassade und im Saal riecht es muffig nach altem Gemäuer, dennoch empfindet das Publikum den abgerissenen Ort mit seinem DDR-Charme als kultig. Im vergangenen Jahr haben die Festspiele das Kulturhaus mit ihrem Spielstätten-Preis ausgezeichnet, am Freitag wurde der Preis vor dem Konzert an den Verein übergeben.

Begeisterung für Klezmer- und Balkan-Klänge

Dann eröffneten die ebenfalls frisch gebackenen Festspiel-Preisträger, die vier Musiker des "SIGNUM Saxophon-Quartetts" und der litauische Akkordeonspieler Martynas Levickis, den Konzertabend. Und wie immer in Mestlin rockte dieses Konzert das Publikum. Die Stimmung kochte vor allem bei den Zugaben aus dem Balkan-Programm der Musiker. Das war überbordende Musik inspiriert von Klezmer und osteuropäischen Volkstänzen - der Höhepunkt des Abends. Das Publikum klatschte vor Begeisterung teilweise in die Musik hinein und bedankte sich anschließend mit stehenden Ovationen.

Aber schon von Konzertbeginn an erhielten die Musiker reichlich Beifall - zwischen allen Sätzen. Zunächst zeigte Martynas Levickis mit einem zeitgenössischen Stück von Gorka Hermosa, was ein Akkordeon jenseits der Volksmusik alles kann und wie virtuos es zu spielen ist. Anschließend präsentierten die fünf jungen Künstler Arrangements nach Musik von Maurice Ravel, der niemals für Akkordeon oder Saxophon komponiert hatte. 

Ravel-Interpretationen zünden nur zum Teil, dann aber richtig

Das "Le Tombeau de Couperin", eigentlich ein Werk für Klavier solo, klang mit vier Saxophonen wunderbar farbenreich, leicht, fast impressionistisch. An ihre Grenzen kommen vier Saxophone und ein Akkordeon jedoch bei Ravels "Rapsodie espagnole". Wie beim Kochen hätten sie die wesentlichen Essenzen des Werkes herausgefiltert, kündigte Alt-Saxophonist Erik Nestler in seiner Moderation an. Es stellte sich jedoch heraus, dass die vielfältigen Klangfarben eines großen Sinfonieorchesters sich zumindest bei diesem Werk nicht wirklich adaptieren ließen - viel vom Charakter des Stückes ging verloren. Ganz anders bei dem in seiner Stilistik sehr reduzierten "Bolero", der zur Freude des Publikums noch als Zugabe nach der ersten Konzerthälfte erklang. Martynas Levickis spielte den ständig wiederkehrenden Rhythmus während die vier Saxophone (Sopran-, Alt-, Tenor- und Bariton-Saxophon) ihre Klangcharakteristika ausbreiten konnten.

Quintett rockt mit Saxophon und Akkordeon

Die zweite Konzerthälfte war geprägt vom Tango Astor Piazzollas, in dem sich alles finde, was das Leben ausmache, so Tenor-Saxophonist Alan Luzar. Und so interpretierten die Künstler diese Musik auch. Einfach wunderbar. Schade, dass kaum junge Leute im Publikum saßen. Der Charme und die Virtuosität dieser vier jungen Saxophonisten hätten wohl manchen jugendlichen Besucher für das Instrument begeistert und auch das Akkordeon wäre ihnen in ganz neues Licht gerückt. Verstaubt war es in Mestlin nur auf den Feldern.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.07.2017 | 19:00 Uhr

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