Stand: 16.09.2017 12:05 Uhr

Festspiele MV enden in "Verzweiflung" und Applaus

von Christian Kahlstorff, NDR.de

Besucherrekord, ein umjubelter Gastkünstler Alexej Gerassimez, restlos begeisterte Zuschauer - was läge da näher, als dem Abschluss-Publikum ein optimistisches Finale zu präsentieren? Doch die Festspiele MV wären nicht so beliebt und bekannt, würden sie ihre Zuschauer nicht immer wieder überraschen. Und so gab es am Freitag in der Konzertkirche Neubrandenburg zwar großartige Musik zu hören, die jedoch eher von Tragik und Verzweiflung erzählte. Dass es dennoch nicht enden wollenden Applaus und laute "Bravo!"-Rufe gab, verdankte der Abend glänzend aufgelegten Künstlern.

809 Sitzplätze fasst die Konzertkirche in Neubrandenburg, und die sind nach Angaben der Festpiele restlos ausverkauft. Zum Finale der diesjährigen Festspiele MV hat Festspiel-Intendant Markus Fein das Publikum erneut in die Konzertkirche Neubrandenburg eingeladen. Zu der nicht enden wollenden Aufzählung von bereits erlebten Höhepunkten in diesem Jahr will Fein noch einen weiteren setzen. Mit Anna Vinnitskaya und dem NDR Elbphilharmonieorchester unter Gast-Dirigent Krzysztof Urbański hat er keinen himmelhochjauchzenden Abschluss zusammengestellt, sondern tiefe Gefühle von Trauer, Bedrohung und Verlorenheit. Mit dem zweiten Konzert in g-Moll von Sergej Prokofjew und der Sinfonie Nr. 5 in d-Moll von Dmitri Schostakowitsch stehen gleich zwei russische Komponisten auf dem Programm.

Festspiele MV: "Jubeln sollt ihr!"

Das "Tastenvieh" zeigt eine andere Seite

Und mit diesen entwickelt sich der Abend zu einem Hochgenuss für das dankbare Publikum, das teilweise mit geschlossenen Augen den Klängen lauscht. Zunächst beinahe ängstlich schaudernd schleicht sich Vinnitskayas Spiel in den Saal. Mühsam suchen die Klänge nach Harmonie, nur um immer vehementer unter Drohungen des aufbegehrenden Orchesters unterdrückt zu werden. Prokofjew liefen dereinst bei der Premiere die Zuschauer davon. In Neubrandenburg rührt sich kein Zuschauer von seinem Platz, scheinbar paralysiert von den am Ende brachial hereinbrechenden Wogen des Orchesters. Vinnitskaya hat sich offenbar an diesem Abend vorgenommen, ihrem Ruf als "Tastenvieh" einen ebenso energischen Kontrast entgegen stellen zu wollen. Gleichwohl erarbeitet sie ihr Stück, das eben keine Leichtigkeit fordert, sondern Verzweiflung, Einsamkeit und Leid. Und das transportiert die Wahl-Hamburgerin in Perfektion. Zum Dank gibt es so lange Applaus, bis sie eine für ein Klassik-Konzert eher ungewöhnliche Zugabe nicht ablehnen kann.

Zu Tode betrübt das Stück - himmelhochjauchzend das Publikum

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Im zweiten Teil könnte man Angst bekommen, sich vorzustellen, welch' düstere Visionen hinter den geschlossenen Augen vieler Zuhörer zum Leben erwachen: Lässt sich Prokofjew noch zu einem einigermaßen versöhnlichen Abschluss hinreißen, hat Schostakowitsch in seiner Sinfonie seinem Publikum dieses Ende verweigert. Die sich stets steigernde Verzweiflung mündet in unter Drohungen erzwungenem Jubel, wie der Komponist einst selbst schrieb. Und so zieht Dirigent Krzysztof Urbański seine Musiker, einem schwarzen Magier gleich, unweigerlich hinab in die Finsternis. Schostakowitschs Stück entstand unter dem Eindruck des gewaltsamen Regimes in seinem Heimatland um die Jahre 1937. Nur im Allegretto gönnt der Komponist seinen Hörern kurze Momente der Hoffnung. Das NDR Elbphilharmonie Orchester scheint dabei die Tragik durchaus zu genießen - von den sehr präsenten Hörnern über die Harfenspielerinnen bis hin zu der den Saal dominierenden Pauke.

Der Jubel ist nicht unter Drohungen erzwungen

"Jubeln sollt ihr!" beschrieb Schostakowitsch selbst voller Zynismus das Ende seiner Sinfonie. In Neubrandenburg ist der Jubel hingegen nicht erzwungen. Der Abend endet in lauten "Bravo"-Rufen und minutenlangem Applaus. Tragisch ist im Nachhinein einzig die Tatsache, dass offenbar mehrere Zuschauer ihre Karten nicht nutzen und somit trotz Ausverkauf einige Plätze unbesetzt blieben. Der gespielten Frage von Kultusministerin Birgit Hesse (SPD), was denn nach dieser fantastischen Festspiel-Saison im kommenden Jahr bloß kommen solle, hatte Fein bereits am Anfang des Abends ein trockenes: "Das hat man im vergangenen Jahr auch schon gesagt." entgegen gehalten. Überraschen und begeistern - diesen Anspruch löste auch der Finalabend mit Bravour ein. Was bleibt, ist Vorfreude auf 2018.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 16.09.2017 | 08:00 Uhr

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