Stand: 10.09.2017 00:00 Uhr

Festspiele MV: Documenta für die Ohren

von Karin Erichsen

Schlaginstrumente aller Form und Größe aus der ganzen Welt haben die Besucher der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern an diesem Wochenende in Ulrichshusen kennengelernt. Beim Percussionfestival mit Alexej Gerassimez drehte sich drei Tage lang alles um Klang und Rhythmus.

Furios endet mit diesem Percussionfestival die Residenz des Schlagzeugers Alexej Gerassimez bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Rückblickend hat er als Preisträger des Sommers diese Konzertsaison geprägt wie kein anderer Künstler vor ihm. Er hat allein und mit musikalischen Wegbegleitern auf Holz, Fliesen, Schiffspropellern, kurz auf Schlagwerken aller Art und Größe seine Spielorte zum Schwingen gebracht - seien es der Jasnitzer Buchenwald, der Flugzeugshelter in Laage, das Neubrandenburger Reparaturwerk oder das Ulrichshusener Schloss. Alexej Gerassimez hat in mehr als zwanzig Konzerten das klassische Konzertpublikum für das Schlagzeug begeistert aber auch ganz neue Besucher zu den Festspielen gelockt. Das hat sich auch an diesem Wochenende noch einmal gezeigt.

Festspiele MV: Schlagzeug pur in Ulrichshusen

Gerassimez beeindruckt erneut und wiederholt

Die meisten Festspielgäste im bunt gemischten Publikum des Percussionfestivals hatten in den vergangenen Wochen ohnehin schon einen Eindruck davon erlangt, wie groß das Instrumentarium eines Schlagzeugers ist, wie vielfältig seine Ausdrucksmöglichkeiten sein können. Und dennoch bot das Künstlergespräch zwischen der NDR Musikredakteurin Margarete Zander und Alexej Gerassimez am Freitagabend abermals neue Einblicke in die Welt der Schlagwerke durch Hörbeispiele und Interpretationsvergleiche - ein spannender Auftakt für das Festival, das sich noch am selben Abend mit einem Kammerkonzert und einem meditativen Nachtkonzert mit dem Slagwerk Den Haag fortsetzte.

Psychedelisches Musikerlebnis für die Zuschauer

Das niederländische Percussion-Ensemble bot mit zeitgenössischen Kompositionen für Schlagwerk auch am Samstag unglaubliche Hörerlebnisse. Bei Michael Gordons Werk "Timber" zum Beispiel schlugen die fünf Musiker gemeinsam mit Alexej Gerassimez auf eine Installation aus einfachen Kanthölzern. Durch den Wechsel rhythmischer Wiederholungen und immer neuer Variationen verbreiteten sich beinahe psychedelische Klangeindrücke im Ulrichshusener Schloss.

Klangexperimente in der Natur

Am Nachmittag ging es in die Natur. Begleitet von Klanginstallationen des Künstlers Peter Tucholski begaben sich die Festspielbesucher auf eine Wanderung zur Wüsten Kirche, einer Ruine in der Nähe des Schlosses. Dabei kamen sie an Gegenständen des Alltags vorbei, die aber in ihrer Zusammenstellung fantastische Geräusche produzierten. Unter der Eiche vor dem Schloss hatte Tucholski zum Beispiel an den Enden einer langen Metallfeder zwei Blecheimer befestigt. An einem Seil vom Baum hing ein kleiner Blechstab, der durch den Wind bewegt, gegen die Metallfeder schlug und so elektrisierende Klänge schuf, die durch die Eimer verstärkt wurden.

Minimal Music als "documenta für die Ohren"

Auch der hohle Körper eines Holzbootes, der bauchige Resonanzraum einer alten Zinkwanne oder schlichte Dachrinnen aus Blech hatten Tucholski zu Installationen inspiriert, die er am Wegesrand zum Klingen brachte. Am Zielpunkt hatten sich vier Musiker vom Slagwerk Den Haag auf den Mauern der Kirchenruine platziert, im Zentrum des Raumes stand Alexej Gerassimez. Auf Klanghölzern hielt er immer denselben Rhythmus, während die anderen ihre Schläge ständig variierten. "Music for Pieces of Wood" heißt dieses polyrhthmische Stück von Steve Reich. Ein Meisterwerk der Minimal Music. Einige Besucher fühlten sich an die documenta erinnert. Denn auch die internationale Kunstschau versuche unter anderem in der Natur das Bewusstsein des Publikums für Räume und Klänge zu schärfen, hieß es.

Iranischer Percussionist begeistert das Publikum

In einer "Langen Nacht des Schlagzeugs" präsentierte Alexej Gerassimez schließlich in der Festspielscheune internationale Koryphäen seines Faches, die mit Schlagwerken aller Weltregionen angereist waren. Darunter war auch der iranische Percussionisten Mohammed Reza Mortazavi, dessen Puls, Rhythmik und virtuose Fingerfertigkeit das Publikum direkt ins vegetative Nervensystem traf. Tobende Begeisterungsstürme brachen nach seiner Performance los.

Artist in Residenz beendet die Saison mit einem Paukenschlag

Am Sonntag ist Alexej Gerassimez letztmalig in Ulrichhusen zu erleben. Gemeinsam mit der Norddeutschen Philharmonie Rostock spielt er ein großes Orchesterkonzert und beendet seine Konzertsaison in Mecklenburg-Vorpommern dann mit Haydn und einem Paukenschlag.

Weitere Informationen

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Die Festspiele MV brachten Orte zum Klingen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 11.09.2017 | 19:00 Uhr

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