Stand: 12.02.2016 16:08 Uhr

Zwei Monumente russischer Klavierliteratur

Prokofjew Klavierkonzert Nr. 2 / Tschaikowsky Klavierkonzert Nr. 1
von Beatrice Rana

CD der Woche

Zwei der anspruchsvollsten Klavierkonzerte hat sich die junge italienische Pianistin Beatrice Rana für ihr Debüt bei Warner Classics ausgesucht: das zweite von Prokofjew und das erste von Tschaikowsky. NDR Kultur Rezensent Philipp Cavert ist hellauf begeistert - und auch erleichtert. Warum?

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Ein Album, das man wieder und wieder hören will: die Debüt-CD von Beatrice Rana.

Philipp Cavert: Ein bisschen bin ich erleichtert, weil der italienische Pianisten-Nachwuchs in den letzten Jahren rar gesät war - zumindest der vielversprechende im klassischen Bereich, abgesehen einmal von der deutsch-Italienerin Sophie Pacini. Nun erobert die 23-jährige Beatrice Rana die internationalen Podien. Das berühmte Tschaikowsky-Konzert hat sie schon seit zehn Jahren im Repertoire. Vielleicht gibt ihr gerade das die Freiheit, so selbstbewusst mit diesem opulenten "Klotz" umzugehen und musikalisch damit Geschichten zu erzählen.

Ihr Tschaikowsky ist sehr frisch und nicht gerade das, was man in Sachen Klavierspiel als besonders "russisch" bezeichnen würde; dieser Tschaikowsky verströmt sich aber ganz natürlich unter den Händen von Rana. Die Pianistin stammt aus Copertino, also von dort, wo der italienische Stiefel seinen südlichsten Absatz hat. Und ich kann nur sagen: Was für ein Auftritt!

Verholfen hat ihr zu diesem Auftritt der Dirigent Antonio Pappano mit seiner Accadèmia Nazionale di Santa Cecilia. Man hat den Eindruck, dass dieses Orchester gerade ziemlich oft neue CDs auf den Markt bringt, oder?

Cavert: Das stimmt, Pappano ist ja so ein Klangzauberer und seine römischen Spitzenmusiker haben sich mehrfach hervorgetan, wenn es darum ging, spätromantische Dramatik zu entfachen (neulich erst, als Begleiter der Geigerin Janine Jansen). Rana ist natürlich noch nicht so etabliert, aber auf dem Weg, sich einen Namen zu machen. Studiert hat sie eine Zeit lang bei Arie Vardi in Hannover, hat beim Van Cliburn-Wettbewerb den zweiten Preis geholt, trotz einer gerissenen Klaviersaite! Das mag nach Kraftmeierei klingen, doch bei Rana steckt mehr dahinter. Sie hat Biss, kommt aber ohne Härte aus. Virtuoses präsentiert sie geschmackvoll, ohne erkennbare Ermüdungserscheinungen - und das will im zweiten Prokofiew-Konzert wirklich etwas heißen. Diese Kadenz ist die Eiger-Nordwand für Pianisten. Wer in dieser Höhe noch Luft hat, die Musik zu gestalten und dabei sogar die Aussicht zu genießen - der muss seine Kunst einfach mit anderen teilen!

Und - wird Beatrice Rana das jetzt verstärkt tun? Ihre Kunst also auch im Konzert teilen?

Cavert: So ist es geplant. In Deutschland hat sie leider nur zwei Auftritte. Am 15. Februar in Münster und am 16. Februar in Bielefeld. Es ist beruhigend, dass sie noch nicht in den ganz großen Hallen "verheizt" wird. Dorthin dürfte sie ihre solide angelegte Karriere ohnehin bald  führen. Im Mai geht Rana mit Pappano auf Südamerikatournee; mit dem ersten Tschaikowsky-Konzert, dass diese CD abrundet. Ich sage bewusst "abrundet", denn noch eindrucksvoller ist für mich hier das zweite Konzert von Prokofiew. Pappano hat gesagt, er höre weitere Instrumentalstimmen in den Obertönen der Kadenz und das ist nicht das einzig Geisterhafte an diesem Werk: Der dritte Satz wirkt, als ob er von Mahlers Nachtmusik aus der Siebten Sinfonie etwas abbekommen hätte. Das wird bei dieser Aufnahme ebenfalls sehr deutlich.

Wie fällt denn der Vergleich mit anderen Prokofiew-Aufnahmen aus?

Cavert: Wenn man die Aufnahme von Yuja Wang im Ohr hat, die ebenfalls sehr markant ist (mit Dudamel), dann prescht Rana nicht ganz so sehr im Tempo nach vorne. Gerade das tut der Musik aber gut, da viele Details zum Vorschein kommen. Insgesamt ist diese neue Einspielung etwas straffer, als die ebenfalls hervorragende mit Anna Vinnitskaya. Um diese so eigenwillige, kraftvolle, gleichzeitig aber auch wunderbar groteske Musik kennen und lieben zu lernen, würde ich zu der jetzt erschienen CD greifen, denn die werden Sie wieder und wieder hören wollen. Mir zumindest ging es (und geht es noch immer) so.

Prokofjew Klavierkonzert Nr. 2 / Tschaikowsky Klavierkonzert Nr. 1

Genre:
Klassik
Label:
Warner Classics

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 15.02.2016 | 15:20 Uhr

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