Stand: 04.12.2017 12:03 Uhr

Wie viel Geld verdienen Orchestermusiker?

von Wieland Gabcke
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Das Barockorchester Göttingen will mit seinem Verzicht auf die Gage, Geld für neue Projekte zur Seite legen.

Wer in einem klassischen Orchester spielen möchte, muss zunächst ein anspruchsvolles Studium absolvieren. Für diese Leistung möchte man als Orchestermusiker natürlich gut bezahlt werden, es gibt aber Unterschiede: Vor allem zwischen freien und öffentlich geförderten Orchestern. Das freie Göttinger Barockorchester verzichtet jetzt bei einem Konzert in der Göttinger Nikolaikirche sogar komplett auf die Gage und legt das Geld für schlechte Zeiten zur Seite. Wie stehen Orchester und ihre Musiker finanziell da?

Antonius Adamske führt mit den Musikerinnen und Musikern vom Göttinger Barockorchester bei seinem Konzert in der Nikolaikirche alle vier Orchesterstuiten von Johann Sebastian Bach auf. Die Idee, das Konzert ohne Gage zu spielen, habe sich das Orchester sehr genau überlegt. "Einmal geht es!", sagt Adamske und lacht. "Aber nicht häufig, deswegen hoffen wir, dass die Kirche voll wird und die Konzertbesucher das honorieren können." Die Einnahmen aus dem Konzert gehen an den Förderverein des Göttinger Barockorchesters. "Wir wollen damit langfristig finanzielle Strukturen für den Veranstalterverein und damit das Orchester auch selber legen", sagt Adamske. Für weitere Konzerte, neue Projekte und schlechte Zeiten, wenn das Geld mal knapp ist.

Viele Musiker geben zusätzlich Musikunterricht

Spielen ohne Gage soll aber die Ausnahme bleiben. Denn freie Orchestermusiker brauchen eigentlich viele Aufträge, um von ihrer Arbeit leben zu können. Es gibt Mindestsätze für Konzerte und Proben, empfohlen von der Musikergewerkschaft Deutsche Orchestervereinigung: Tagessätze zwischen 160 und 240 Euro und Probensätze von rund 80 Euro. "Je nach Region können diese tatsächlich ausgezahlten Werte aber differieren. Sagen wir mal in Hannover werden andere Sätze gezahlt als in Berlin", sagt Musiker Adamske. Ein gut ausgebildeter freier Orchestermusiker komme im Monat auf rund 2.000 Euro, wenn er jedes Wochenende gebucht sei. Brutto, abzüglich Abgaben und Steuern. Viele freie Musiker geben außerdem noch Musikunterricht. "Und das kommt nun eben darauf an, inwiefern diese Kalkulation aufgeht, wie viel man sich auch an Wochenenden freinehmen möchte, auch für die Familie", gibt Adamske zu bedenken.

Bezahlung variiert nach Größe der Orchester

In festen Orchestern, zum Beispiel städtischen Orchestern, Theater- oder Staatsorchestern, gibt es mehr Sicherheit für die Musiker. Hier wird nach Tarif bezahlt: je größer das Orchester, desto mehr für die Musiker. In Niedersachsen zählen die Staatsorchester Hannover und Braunschweig zu den großen A-Orchestern, hier werden laut Tarifvertrag mindestens 2.600 Euro im Monat Brutto gezahlt. Bei den kleinen D-Orchestern, Lüneburger Symphoniker und TfN Orchester Hildesheim, sind es mindestens 2.200 Euro. In der Mitte liegen die B-Orchester in Oldenburg, Osnabrück und Göttingen. Hier beginnt die Grundvergütung bei 2.300 Euro im Monat.

Rente nahe der Armutsgrenze

Johann Sebastian Sommer ist Cellist beim Göttinger Symphonie Orchester (GSO) und verdient monatlich, mit allen Zuschlägen, rund 4.000 Euro brutto. "Das ist meine Gehaltsstufe, weil ich ja schon seit über 30 Jahren im Orchester mitarbeite und schon lange in dieser letzten Gehaltsstufe angekommen bin", sagt der 62-Jährige. Damit könne er im Moment ganz gut auskommen, aber auch nur, weil er noch im Arbeitsleben sei. In drei, vier Jahren geht Sommer in Rente. Vom Staat erwartet er nach allen Abzügen eine Netto-Rente von 1.200 Euro. "Damit bin ich nicht weit von der Armutsgefährdung entfernt."

GSO ist nicht in der Versorgungskammer

Sommer käme monatlich auf bis zu 1.000 Euro mehr, wenn er eine Zusatzrente hätte. Zum Beispiel bei der Bayerischen Versorgungskammer, die für Kulturorchester bundesweit zuständig ist. Viele Orchester in Deutschland müssen sich hier verpflichtend anmelden, um ihre Musikerinnen und Musiker zu versichern. Dazu müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: "Es geht um Orchester, die Opern oder klassische Musik spielen und von der öffentlichen Hand getragen werden", so Daniel Kubitscheck von der Bayerischen Versorgungskammer. Es gibt aber Ausnahmen: Das Göttinger Symphonie Orchester ist kein Mitglied - als einziges öffentlich gefördertes Orchester in Niedersachsen.

Obwohl rund 75 Prozent der Gelder für das GSO von Stadt und Landkreis Göttingen und vom Land Niedersachsen kommen, wundert sich Cellist Sommer. "Der Einfluss der öffentlichen Hand entscheidet sich ganz einfach an der Frage: Wer gibt das Geld oder gibt das Geld nicht?", ist der 62-Jährige überzeugt. "Der Träger des GSO ist aber eine GmbH, bei der die öffentliche Hand nur zu 50 Prozent das Sagen hat“, erläutert Daniel Kubitscheck von der Bayerischen Versorungskammer. Nicht genug also, damit sich das GSO für die Rente seiner Musikerinnen und Musiker pflichtversichern muss. Allerdings könnte sich das Orchester freiwillig bei der Bayerischen Versorungskammer anmelden. Kosten: 100.000 Euro im Jahr.

Zusatzrente zur Zeit nicht finanzierbar

"Wir würden das natürlich im Interesse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liebend gerne machen", sagt Klaus Hoffmann, Geschäftsführer des Göttinger Symphonie Orchesters. Es gebe dafür aber keine Reserven. Bei einem Jahresetat von 5,2 Millionen Euro komme das Orchester am Schluss Plus Minus Null raus. Nur mit mehr Geld könne sich das GSO bei der Bayerischen Versorungskammer anmelden.  "Eine Frage wäre, ob wir das bei den anstehenden Zuschussverhandlungen mit dem Land und mit anderen Zuschussgebern, der Stadt und dem Landkreis in Zukunft einbringen können", sagt Hoffmann. Zurzeit könne sich das Göttinger Symphonie Orchester die Zusatzrente aber nicht leisten. "Unsere Musiker werden aber gut nach Tarif bezahlt, also die Gefahr von Altersarmut sehe ich da nicht", betont Hoffmann. Ähnlich wird das bei den ebenfalls nach Tarif bezahlten Orchestern in Braunschweig, Lüneburg, Oldenburg und Osnabrück eingeschätzt.

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Musiker müssen selber vorsorgen

Orchestermusiker können aber durchaus von Altersarmut betroffen sein, heißt es bei der Deutschen Orchestervereinigung. "Musikerinnen und Musiker, die ohne Zusatzversicherung bei der Bayerischen Versorungskammer in Orchestern spielen und deren Gagen relativ geringfügig über dem Mindestlohn liegen, werden im Ruhestand von Altersarmut betroffen sein", sagt Sprecherin Uli Müller. Dies gelte umso mehr für Freischaffende, deren statistisches Jahreseinkommen nach Dokumentation der Künstlersozialkasse häufig 12.000 Euro, also 1.000 Euro im Monat, nicht übersteige. Auch Antonius Adamske vom Göttinger Barockorchester sieht diese Gefahr. "Es gibt auch Segmente im freien Orchestermusikerleben, in denen Musiker von Altersarmut bedroht sind." Es sei deshalb wichtig, sich gut zu verkaufen, viele Aufträge an Land zu ziehen und möglichst früh viel Geld auf die Seite zu legen.

Das Konzert des Göttinger Barockorchesters, mit allen vier Orchestersuiten von Johann Sebastian Bach, findet am Dienstagabend, 5. Dezember 2017 um 19 Uhr in der Nikolaikirche in Göttingen statt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.12.2017 | 19:00 Uhr

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