Stand: 09.02.2017 14:15 Uhr

Barbara Hannigans Mut zu zeitgenössischer Musik

von Sabine Lange

Sie zählt zu den berühmtesten Opernfiguren überhaupt - Alban Bergs "Lulu", diese Kindfrau, der Männer so sehr erliegen, dass sie erst ihren Verstand und dann ihr Leben verlieren. "Lulu" - das ist auch eine der anspruchsvollsten Opernrollen, die Sopranistinnen singen können. Der sehr komplex konstruierten Zwölftonmusik Alban Bergs und den extremen technischen und darstellerischen Anforderungen stellen sich nur wenige Sängerinnen - die Kanadierin Barbara Hannigan tut es mit großer Leidenschaft in der Neuproduktion von Christoph Marthaler, die am 12. Februar 2017 in der Staatsoper Hamburg Premiere feiert. NDR Kultur überträgt diese Premiere live.

Zeitgenössisches statt Belcanto

Barbara Hannigan hatte schon als Teenagerin eine verblüffend starke Affinität zur zeitgenössischen Musik. Mit 17 lernte sie bei einer Gesangslehrerin, die dieses Talent in ihr förderte: "Ich habe mich immer für zeitgenössische Musik interessiert. Sie hat etwas in ihrer Architektur, das ich intuitiv verstehe und sehr liebe. Meine Lehrerin hatte selbst mit Ligeti und Stockhausen gearbeitet. Sie hat mich ermutigt, Risiken auf diesem zeitgenössischen Terrain einzugehen. Ich habe in der zeitgenössischen Musik eine Freiheit gefunden, die ich im Belcanto-Repertoire nicht finden konnte. Wer war ich schon? Ein kleines Mädchen aus der kanadischen Provinz - wie konnte ich mir anmaßen zu glauben, ich könne Belcanto singen! Aber zeitgenössische Musik zu singen, das war wie auf frischem Schnee zu laufen."

Bildergalerie
6 Bilder

Alban Bergs "Lulu" an der Staatsoper Hamburg

"Lulu" ist die "Urgestalt des Weibes, geschaffen, um zu verführen und zu morden": Kent Nagano und Christoph Marthaler mit Alban Bergs Meisterwerk in der Staatsoper Hamburg. Bildergalerie

1971 wurde Barbara Hannigan in der kanadischen Provinz geboren - ihre Familie war musikbegeistert, sie selbst sang schon früh liebend gern, und mit 17 ging sie nach Toronto, um Musik zu studieren. Ihr außergewöhnliches Talent führte sie bald nach dem Studium nach Europa. Ob in der Berliner Philharmonie oder bei den Salzburger Festspielen, ob bei Festivals zeitgenössischer Musik oder auf den wichtigen Opernbühnen der Welt: Barbara Hannigan hat sich schnell den Ruf einer stimmlich und darstellerisch herausragenden Interpretin erarbeitet. Einer Frau, die sich mit Haut und Haaren auf die Rollen einlässt, die sie singt.

Darbietungen über das Menschliche hinaus

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Christoph Marthaler wird ab 2018 als Chef-Regisseur der Ruhrtriennale tätig sein.

Dass sie jetzt in Hamburg mit dem Regisseur Christoph Marthaler Alban Bergs "Lulu" proben konnte, war für sie ein langgehegter Wunsch: "Marthalers Art, Regie zu führen, ist außergewöhnlich. Er schafft diesen Raum zum Arbeiten, in dem er uns erlaubt, uns auszuprobieren, in dem er auch erlaubt, dass wir Fehler machen, und meistens sind wir in diesem Raum ungeheuer kreativ. Eben weil es uns erlaubt ist, Mensch zu sein, können wir etwas entwickeln, was über das Menschliche hinaus geht."

Lulu - das ist die Frau, die femme fatale, der die Männer verfallen. So sehr, dass keiner die Begegnung mit ihr überlebt - außer Jack the Ripper, dem sie am Ende zum Opfer fällt. Die Urgestalt des Weibes sei Lulu, heißt es im Text. Doch für Barbara Hannigan ist Lulu vor allem eine sehr moderne Frau, für die sie größten Respekt empfindet. Und das, obwohl Lulu zur Prostituierten und zur Mörderin wird: "Ich greife zu einer Pistole und erschieße Dr. Schön - aber das tue ich, nachdem er mir gesagt hat, dass ich mich erschießen soll! Dieser Mann hat mich als Teenagerin in sein Haus geholt - heutzutage würden wir definitiv sagen, dass er mich jahrelang missbraucht hat. Diese Beziehung ist krank, aber Lulu überlebt sie! Ich glaube nicht, dass sie als "missbrauchte Frau" lebt. Ja, sie erlebt innere Schlachten in sich - aber ich glaube nicht, dass sie zerbrochen ist."

Konzert
02:33

Oper "Lulu" in Patina statt Prunk

11.02.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal

Niemand hat so häufig den Preis für das Bühnenbild des Jahres bekommen wie Anna Viebrock. Für die Oper "Lulu" hat Regisseur Christoph Marthaler sie nach Hamburg geholt. Video (02:33 min)

Live: Alban Bergs "Lulu"

12.02.2017 17:55 Uhr
NDR Kultur

"Lulu" ist die "Urgestalt des Weibes, geschaffen, um zu verführen und zu morden": Kent Nagano und Christoph Marthaler mit Alban Bergs Meisterwerk in der Staatsoper Hamburg. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 09.02.2017 | 14:20 Uhr

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