Stand: 17.02.2017 11:40 Uhr

Fantasien zweier Seelenverwandter

Mozart/Schumann - Fantasies
von Piotr Anderszewski
Vorgestellt von Franziska von Busse
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Hochbegabt und ungemein konsequent: Piotr Anderszewski gilt heute als einer der großen Pianisten unserer Zeit.

Sensibel, nachdenklich, feinsinnig - das sind Begriffe, die immer wieder fallen, wenn es um das Spiel des polnischen Pianisten Piotr Anderszewski geht. Ende 2014 ist sein letztes Album erschienen, mit Partiten von Johann Sebastian Bach. Jetzt hat er bei Warner eine CD mit Mozart und Schumann veröffentlicht. Die Aufnahmen darauf sind nicht ganz neu; sie stammen aus den Jahren 2006 und 2013. Aber: Mozart und Schumann erscheinen darauf wie Seelenverwandte. Was sehr wahrscheinlich mit daran liegt, dass Anderszewski sie beide wie seine eigenen Seelenverwandten behandelt.

Zwischen Tragödie und Komödie

"Mozart spielt immer gleichzeitig mit Tragödie und Komödie und vermischt eins mit dem anderen", sagt Anderszewski. "Das macht seine Musik so reich. Da sind immer diese unterschiedlichen Schichten." Verschiedene Schichten freilegen, Untertöne hörbar machen, zwischen den Zeilen lesen. Das liebt Anderszewski, und das ist auch seine besondere Begabung. Mozarts c-Moll-Fantasie empfindet er wie eine Ouvertüre zur c-Moll-Sonate. Beide sind gemeinsam in Druck erschienen, beide haben einen ähnlichen tragischen Grundton. Bei Anderszewski ergänzen sie sich zu einem großen Porträt. Wir erleben einen Mozart, der mit seinen melodischen Einfällen immer wieder gegen Mauern aus Moll-Akkorden zu rennen scheint. Einen Mozart voll verzweifelter Resignation. Dann wieder überfließend von Zärtlichkeit.

CD-Tipp

Ein Meister der Stimmführung

Piotr Anderszewski beeindruckt mit seiner neuen Aufnahme, weil er nicht nur unglaublich viele Klangnuancen einsetzt, sondern auch dem Wesen dieser Suiten sehr nahe kommt. mehr

Anderszewskis größtenteils langsamen Tempi, sein für Mozart sehr freier Umgang mit dem Metrum, seine Ausbrüche, seine mit Bedeutung aufgeladenen Generalpausen: Hinter all dem ahnt man die eigenen Zweifel, die eigenen Fragen, die der Künstler hat - nicht nur an die Musik, sondern an die Welt.

Eine klare Darstellung

Verträgt Mozarts Musik diese Romantisierung, diese unverblümte Subjektivität? Wenn, dann vielleicht wirklich nur verbunden mit der auserlesenen Klangkultur Marke Piotr Anderszewski. Und: in Zusamenhang gebracht mit den beiden Schumann-Werken auf der CD. "Bei Mozart hat man diese unglaubliche Balance", beschreibt Anderszewski. "Ich würde sagen, Schumann zeigt sich viel ungeschützter. Und darin liegt eigentlich die größte Schönheit: Er wagt es, verletzlich zu sein."

"Durchaus fantastisch und leidenschaftlich vorzutragen", hat Schumann über den ersten Satz seiner C-Dur-Fantasie geschrieben. Hier steht das Wort "Fantasie" nicht in erster Linie für Form, sondern für Inhalt. Der junge Musiker macht seiner großen, damals noch unglücklichen Liebe Luft: In Gefühlsüberschwang, aber auch in einer Fülle poetischer und musikalischer Bezüge, die Anderszewski wie in einer großen Improvisation fließen, einander ergänzen und überlagern lässt. Wichtig scheint ihm dabei nicht so sehr das Flimmernde, Rauschende in der Musik. Sondern auch hier: eine klare Darstellung.

Sehr persönliche Interpretation

Dass er Klänge aber durchaus auch schweben lassen kann, das zeigt sich in den "Geistervariationen", in Schumanns allerletzter Komposition. Das Thema dafür, meinte Schumann, hätten ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorgesungen. Als "merkwürdig und unwiderstehlich bezaubernd" hat Johannes Brahms später das Werk beschrieben. "Was faszinierend ist am späten Schumann: Dieses Hin-und-her-Schwingen zwischen Genie und Wahnsinn. Ich versuche aber, vor allem ans Genie Schumann zu glauben und diese Seite nach vorne zu holen", so Anderszewski.

Zwei Genies - Mozart und Schumann - treffen sich wie zu einem imaginierten Dialog am Flügel von Piotr Anderszewski. Eine Interpretation, die Spuren hinterlässt: Nachdenklich, ausdrucksstark und sehr persönlich.

Mozart/Schumann - Fantasies

Zusatzinfo:
Wolfgang Amadeus Mozart: Fantasie KV 475, Klaviersonate KV 457 Robert Schumann: Fantasie op. 17, "Geistervariationen" WoO 24
Label:
Warner Classical

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 20.02.2017 | 06:40 Uhr

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