Stand: 03.09.2017 13:15 Uhr

"Der junge Lord" feiert Premiere in Hannover

von Agnieszka Zagozdzon
Am Sonnabend hatte "Der junge Lord" in Hannover Premiere.

Die Staatsoper Hannover präsentiert nach "Die englische Katze" mit Hans Werner Henzes "Der junge Lord" eine weitere komische Oper des 20. Jahrhunderts. Die Texte stammen von Ingeborg Bachmann nach der Parabel "Der Affe als Mensch" von Wilhelm Hauff. Die Oper feierte am Sonnabend in einer Inszenierung von Bernd Mottl Premiere.

"Ich muss sagen: Das ist von der Infrastruktur her das komplizierteste Stück, das ich im Musiktheater kenne." Das sagt Bernd Mottl. Er zählt auf: 28 ausgeschriebene Rollen: ein voller Chor, Kinderchor, Militärkapelle, ein Tanzensemble, eine Artistentruppe, auch Statisten würden gebraucht. "Das zusammenzuschrauben ist schon ziemlich wahnwitzig. Und dass das Haus sich hier das zugetraut hat und zugemutet hat - Chapeau! Das ist außergewöhnlich." Mottl ist begeistert, keine Frage. Und die Inszenierung, wie war sie?

Klare politische Botschaft

Die Bürger von Hülsdorf-Gotha sind empört: Da haben sie sich alle versammelt, der Bürgermeister hat extra eine Rede vorbereitet, der Kinderchor soll ein Lied singen - sogar eine Militärkapelle wurde eigens engagiert. Alles nur um den neuen Bewohner, Sir Edgar, willkommen zu heißen. Und dann verschwindet dieser exzentrische ältere Herr einfach schnell in seinem Haus und lehnt jede Einladung zum Essen oder zum Tee ab! Man ist außer sich. Themen wie "Wutbürger", Ausländerfeindlichkeit und Integrationsverweigerung schwingen selbstverständlich bei diesem Werk mit. Doch "Der junge Lord" ist eine komische Oper, und so vermied Regisseur Bernd Mottl in seiner Inszenierung allzu explizite Anspielungen. "Es geht mir nicht darum, eine ,Gegenwartskeule' zu schwingen." Man hätte das ganze auch vor einer Asylbewerberunterkunft spielen können, doch: "Ich finde, die politische Message ist klar genug und ich traue den Zuschauern absolut zu, diese Spiegelung hinzukriegen - das liegt schon in der Fabel", erklärt der Regisseur. "Und da wollten wir nicht noch draufhauen, sondern im Gegenteil eher werben für das Stück, durch eine ansprechende Eleganz."

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Sung-Keun Park als exzentrischer Lord Barrat.
Das Stück soll unterhalten

So sind der Ort Hülsdorf-Gotha und seine bornierten Bewohner beispielsweise strikt schwarz-weiß: Der Boden sieht aus wie ein Schachbrett und alle Menschen tragen nur schwarze, aber elegante Kleidung. Beim Auftritt von Sir Edgar wirken dessen bunte Kleider und erst recht die seiner exotischen Bediensteten wie eine Farbexplosion inmitten dieser schwarz-weißen Welt. "Wir wollen nicht damit provozieren, das ist das falsche Stück dafür. Dafür ist es zu kabarettistisch, da ist zu viel Operette drin. Es macht mir auch Spaß, damit zu unterhalten. Ich wünsche mir, dass der Unterhaltungswert erkannt wird, der in dem Stück steckt." Unterhalten wird auch Sir Edgar, als eines Tages ein Zirkus nach Hülsdorf-Gotha kommt. Zum allgemeinen Entsetzen lädt er die Artisten und ihren dressierten Menschenaffen Adam sogar in sein Haus ein. Wenig später lässt Sir Edgar verkünden, dass sein Neffe, der junge Lord Barrat, zu Besuch sei und bei einem großen Fest vorgestellt werden soll. Dort verliebt sich die junge Louise in diesen exzentrischen Ausländer.

Ein Rummel auf der Bühne

Zeitweise waren fast 150 Menschen auf der Bühne und im Graben spielte ein groß besetztes Orchester - doch dem 1. Kapellmeister Mark Rohde gelang es eindrucksvoll, die stilistischen und dynamischen Unterschiede in Henzes Musik klar herauszuarbeiten. Rohde hatte in der Vergangenheit an der Staatsoper Hannover bereits Henzes Oper "Die englische Katze" dirigiert und war daher mit dessen Stil bestens vertraut. "Man hört es und man freut sich bei diesem Vergleich zu sehen, wie groß diese Entwicklung war", sagt Rohde. "Der junge Lord" sei ein phänomenales, lustiges Stück. "Es ist schön, dass man bei der zeitgenössischen Musik ein komisches Werk hat."

Und selten wurde in Hannover bei einer Premiere - zumal bei einer zeitgenössischen Oper - so viel zwischendrin gelacht. Dazu kamen die allesamt großartigen Solisten, allen voran Sopranistin Rebecca Davis und Tenor Simon Bode, und die fantastischen großen und kleinen Chorsänger. Diese witzige, kluge und unterhaltsame Inszenierung sollte man auf keinen Fall verpassen.

"Der junge Lord" feiert Premiere in Hannover

"Der junge Lord" hat am Sonnabend Premiere an der Staatsoper Hannover gefeiert. Die komische Oper von Hans Werner Henze zeigt: In der Kleinstadtidylle ist nicht alles Gold, was glänzt.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hannover, Opernhaus
Opernplatz 1
30159  Hannover
Telefon:
(0511) 99 99 11 11
E-Mail:
kasse@staatstheater-hannover.de
Preis:
24 bis 69,50 Euro
Kartenverkauf:
Kassen im Opernhaus
Öffnungszeiten
Mo bis Fr 10 - 19.30 Uhr (Vorverkauf bis 18.30 Uhr),
Sa 10 - 14 Uhr
Hinweis:
Text von Ingeborg Bachmann nach der Parabel "Der Affe als Mensch" aus Wilhelm Hauffs Märchensammlung "Der Scheik von Alexandria und seine Sklaven" (1827)
Musikalische Leitung Mark Rohde
Inszenierung: Bernd Mottl
Choreographie: Anastasiya Bobrykova
Dramaturgie: Christopher Baumann
Besetzung:
Sir Edgar: Franz Mazura
Sekretär: Stefan Adam
Lord Barrat: Sung-Keun Park
Begonia: Tichina Vaughn
Bürgermeister: Martin Busen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 03.09.2017 | 14:20 Uhr

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