Stand: 23.03.2017 14:00 Uhr

Mahlers 9. Sinfonie - ein erschütterndes Werk

von Daniel Kaiser

Der Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters lässt mit Gustav Mahlers 9. Sinfonie ein besonders erschütterndes Werk erklingen. Wie bei Schubert und Beethoven war nach der 9. für Gustav Mahler Schluss. Die Uraufführung hat er nicht mehr erlebt. Die Sinfonie ist ein fast anderthalbstündiger Abschied. Es ist ein Meisterwerk mit vielen berührenden, entschleunigten Passagen aber auch heftigen Explosionen.

Screenshot: Hengelbrock dirigiert Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 9. © NDR

Hengelbrocks Klassik: Mahlers Neunte

"Es ist ein unglaubliches Stück", so Thomas Hengelbrock, Chefdirigent des damaligen NDR Sinfonieorchesters über Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 9. Es erfülle die Zuhörer gar mit neuer Lebenskraft.

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Zwei Herzinfakte im ersten Satz

Diese Musik ist ein Drama zwischen Leben und Tod. "Man hört quasi zwei Herzinfarkte im ersten Satz", erklärt Thomas Hengelbrock. "Nach einer großen Angst-Aufwallung stürzen Streicher-Kaskaden über drei Oktaven hinab und die Blechbläser brechen mit dem Todesmotiv brutal ein."

Mit großen Gesten feuert Hengelbrock seine Musiker zum radikalen Ausbruch an. Gustav Mahler ist schwer krank, von der Liebe enttäuscht, und angeschlagen, als er an dem Werk arbeitet. Die Sinfonie ist sein komponierter Abschied. "Dieses Stück ist von der ersten bis zur letzten Noten enorm aufgeladen - jeder Takt, jede Note bedeutet etwas."

Abschied als Leitmotiv

Die Sinfonie beginnt mit einem leisen Cello-Ton, auf den die Harfe antwortet. Alles mündet in einem sanften Seufzen, das sich durch die ganze Sinfonie zieht. "Im Autograph steht später über diesen Noten 'Leb wohl!'", sagt Hengelbrock. "In der Partitur gibt es viele solcher Vermerke wie 'O Jugendzeit!' oder 'O Liebe!'"

Kleine Hütte, große Sinfonie

Mahler komponierte diese große Abschiedsmusik zwischen 1909 und 1910 in einer winzig kleinen Holzhütte im kleinen Ort Toblach in Südtirol. Die Riesen-Sinfonie entstand auf einer Handvoll Quadratmetern.

"Er hat sich im Sommer allein in sein Komponier-Häuschen zurückgezogen. Wenn dann die Haushälterin ein Tablett mit Essen gebracht hat, fühlte er sich schon außer Stande zu komponieren." Mahler war ein angespannter, nervöser Geist. Aber es sei schon enorm, wie er auch noch jede Sechzehntel-Note mit Vortragsbezeichnungen versehen habe. "Die Konkretisierung des einzelnen musikalischen Momentes wird auf die Spitze getrieben."

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Auch das ist Gustav Mahler: der Familienvater mit Töchterchen Anna im Sommerurlaub.
Mahler komponiert Unsagbares

Mahler, der sonst gern mit Sängern und Chören arbeitet, verzichtet in dieser letzten Sinfonie auf die menschliche Stimme. "Es gibt einfach keinen Text mehr, der das ausdrücken kann, was Mahler da ausdrücken wollte", sagt Hengelbrock. Mahler komponiert die letzten Dinge. Dabei findet er aber eine neue Musiksprache und überwindet Grenzen. "Die 9. Sinfonie schließt sein bisheriges Schaffen ab, aber sie bringt so viele neue Elemente, dass sie zum Ausgangspunkt für neue Musik werden konnte."

"Wahrhaftig und große Kunst!"

Liebes-Szenen und Tänze aus früheren Werken flackern wie Erinnerungen auf. Die Sinfonie verklingt ganz leise. Die Musik löst sich auf. Im letzten Satz zitiert Mahler das bekannte englische Kirchenlied "Abide with me". Doch die Melodie endet im Trugschluss. Da ist kein Trost. Da ist nur Tod.

Diese Sinfonie geht nah. "Lorin Maazel sagte mir mal, dass er die Sinfonie nicht dirigiere. Sie würde ihn zu traurig und depressiv machen. Ich kann das nachvollziehen", sagt Hengelbrock. "Das ist Musik, die einen ständig mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Aber weil es so wahrhaftig und aus dem Leben gegriffen und in große Kunst umgesetzt ist, erfüllt sie uns mit Lebenskraft und neuem Mut."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 17.02.2016 | 19:05 Uhr

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