Stand: 26.06.2017 13:34 Uhr

"Telemann hat wahnsinnig viel Humor"

Bernhard Forck ist Konzertmeister diverser namhafter Ensembles wie z. B. der Akademie für Alte Musik Berlin sowie Musikalischer Leiter des Händelfestspielorchesters Halle.

Zum 250. Todestag Georg Philipp Telemanns erklingt seine Ouvertüre D-Dur TWV 55:D18 im Konzert für Hamburg, gespielt vom NDR Barock unter Leitung von Bernhard Forck. Im Interview mit NDR 90,3 erzählt er, was ihn an dem Komponisten bis heute begeistert.

Was hat Telemann, was kein anderer hat?

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Georg Philipp Telemann (1681-1767) war 46 Jahre lang Musikchef in Hamburg.

Bernhard Forck: Telemann ist unglaublich vielfältig und war dann doch so lange unterschätzt. Er hat so wahnsinnig viel komponiert. Sie müssen sich allein nur mal die Liste der Orchestersuiten anschauen, während Bach beispielsweise nur vier komponiert hat, und bei Telemann sind sie auch wahnsinnig unterschiedlich in ihrer Art.

Telemann hat sich sehr gut in den europäischen Stilen ausgekannt - natürlich vor allem mit dem italienischen und dem französischen Stil. Er ist ja in Mitteldeutschland aufgewachsen und war dort von derselben Musiktradition geprägt wie Händel und Bach. Doch Telemann war offen in alle Richtungen. Die Einflüsse gingen bis nach Russland. Dazu ist alles so gekonnt gemacht. Wie er die Instrumente verwendet, ist außergewöhnlich, und er hat wahnsinnig viel Humor. Man entdeckt jedes Mal Neues, und ich bin immer wieder positiv überrascht.

"Vielschreiber" hieß und heißt es oft - vor allem die Bachforschung hat versucht, Telemann klein zu machen, um Bach heller strahlen zu lassen. Was ist dran an dem Vorwurf, er habe zwar viel, jedoch eher Minderwertiges komponiert?

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Forck: Der Vorwurf ist ungerecht und völliger Quatsch. Er hat viel geschrieben. Das stimmt. Aber wir würden Mozart ja auch nicht als Vielschreiber bezeichnen. Er komponierte unterschiedlichste Formen. Er ist heute in erster Linie durch die Instrumentalmusik bekannt, seine Opern dagegen sind nicht mehr so präsent. Dabei sind auch das unglaublich tolle Stücke.

Bach hat einen ganz anderen Anspruch, denn er hat seine Werke komplett auskomponiert. Zeitgenossen hatten dabei auch kritisiert, Bach lasse den Musikern gar keinen Platz mehr für irgendwas. Telemann wollte nie die Musiker überfordern. Es sollte spielbar sein, und es sollte jeder einen Zugang zu seiner Musik finden. Das macht sie aber nicht simpel oder banal, sondern auf eine verständliche Art klar. Am besten, man streicht das Wort "Vielschreiber" einfach durch. Das ist ein Begriff, der da wirklich gar nicht hinpasst.

Wie spielt man Telemann richtig, sodass es nicht langweilig klingt?

Forck: Selbst wenn die Musik alt ist, müssen wir uns in das hineinversetzen, was neu, ungewöhnlich und überraschend ist und den Zuhörer aufhören lässt. Man muss das Besondere in der Musik wecken und suchen. Ich glaube, dass es sehr hilft, auf Barockinstrumenten zu spielen.

Der Klang ist viel weniger rund, glatt und perfekt. Er ist wie die raue Oberfläche der "weißen Haut" im Konzertsaal der Elbphilharmonie, die die Musik fassbarer macht. Dazu kommt noch Experimentierfreude. Mit den Musikern von NDR Barock, den Mitgliedern des NDR Elbphilharmonie Orchesters, die auf Barockinstrumenten spielen, hatten wir da vor diesem Konzert eine wirklich kreative Probenzeit.

Das Interview führte Daniel Kaiser.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 26.06.2017 | 19:00 Uhr

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