Sendedatum: 07.03.2016 19:00 Uhr

Buhkonzert für "Guillaume Tell" in Hamburg

von Daniel Kaiser

Guillaume Tell legt an. Er zielt mit der Armbrust auf den Apfel, der eher ein kleiner Boskop als ein großer Jonagold ist, auf dem Kopf seines Sohnes. In Schussrichtung sitzt auch das Publikum und zittert. "Sollte er wirklich …?" Doch Roger Vontobel dreht in seiner ersten Opern-Regie das Schweizer Nationalheiligtum der Wilhelm-Tell-Geschichte auf links. Er verweigert mit einem Inszenierungs-Kniff diesen ikonografischen Startschuss zur Revolution. Humanität siegt über die Schützenfest-Legende. Diese Szene war am Ende einer der Auslöser für das Buhkonzert, das das Regieteam bei der Premiere von "Guillaume Tell" in der Hamburgischen Staatsoper traf.

Die Schauspieler und Sänger des Stücks "Guillaume Tell" auf der Bühne der Hamburger Staatsoper. © NDR

"Guillaume Tell" an der Hamburger Staatsoper

Hamburg Journal -

Die Neuinszenierung der Oper "Guillaume Tell" von Theater-Regisseur Roger Vontobel gab ihr Debüt auf der Opern-Bühne. Es gab Applaus für die Sänger, aber nicht für die Inszenierung.

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Freiheit verkommt zur Folklore

Vontobel macht aus Wilhelm Tell einen Maler, der gerade das raumfüllende Gemälde Ferdinand Holders vom feierlichen Rütli-Schwur restauriert. Es zeigt patriotische Männer mit einem erhobenen Arm und entschlossenem Blick. Tell wird zum nüchternen Künstler, der sich um die Freiheit sorgt und sie pflegt. Denn das dekadent champagnerbesoffene Volk begeht die stolzen Freiheitstraditionen nur noch als folkloristischen Karneval. Der greise Held Melchthal (Kristinn Sigmundsson) humpelt mit Gehhilfe als Maskottchen auf die Bühne und muss mit Sauerstoffflasche aktiviert werden. Erst als die Besatzer-Armee - in schwarzen Uniformen und mit Kalaschnikows im Anschlag - über die Bühne marschiert, erwacht der Freiheitsgeist des Volkes. Mit leuchtenden Taschenlampen ersinnen sie nachts Partisanen-Choreografien zu Freiheitshymnen als Lichtzeichen des Widerstands.

Kunst siegt über Tyrannei

Dann schlägt Tells große Stunde. Als Waffe wird ihm ein Eimer mit Farbe gereicht. Tell tötet den Tyrannen und seine Soldaten mit Pinselstrichen. Sie winden sich unter der roten Farbe auf ihren Körpern. Es ist ein Plädoyer für die Macht der Bilder und den Triumph der Kunst über Tyrannei. Man kann das so machen. Teile des Publikums haben mit dieser plakativen Deutung des Stoffes allerdings erhebliche Probleme und buhen sich heiser. Vor allem angereiste Rossini-Fans, die das nicht sehr häufig gespielte Stück als museales Exponat bestaunen und sich wohl eher an der Musik berauschen wollten, schütteln verärgert die Köpfe.

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"Guillaume Tell": Sakrileg mit Apfel

Bei der Premiere der Rossini-Oper "Guillaume Tell" bejubelte das Publikum der Hamburgischen Staatsoper Sänger und Orchester. Das Regie-Team erntete ein mittelschweres Buhkonzert. Bildergalerie

Starker Bösewicht - schwacher Tell

Einhelligen Jubel dagegen gibt es für die Sänger. Yosep Kang verleiht dem zwischen Liebe und Vaterland zerrissenen Arnold eine jugendlich virile Frische. Guanqun Yu singt ihre Liebessehnsucht in traumschönen Bögen hinaus. Christina Gansch verkörpert mit ihrem glockenhellen Sopran Tells Sohn Gemmy als fleischgewordene Unschuld mit Apfel-Topping. Mit Vladimir Barkov hat die Oper einen Bösewicht und Tyrannen von Format gewonnen. Man ballt im roten Samtsitz die Faust, wenn er Champagner schlürfend die Verachtung des unterdrückten Volkes an sich abperlen lässt. Herrlich! Lediglich Sergei Leiferkus kann als Wilhelm Tell Freunden und Feinden auf der Bühne weder stimmlich noch darstellerisch das Wasser reichen. Ausgerechnet die Titelrolle verblasst.

Finale mit Pathos

Dem Philharmonischen Staatsorchester unter Gabriele Ferro gelingt eine farbige Version der Oper - vom ergreifenden Cello-Solo in den ersten Takten der Ouvertüre über die schmissigen Freiheits-Hymnen bis zu den berührenden Liebes-Duetten; obschon die großen Chorszenen hier und da im Zusammenspiel mit dem Orchester ein bisschen wackeln. Mit Pathos geizt der Abend nicht. Ständig werden Arme zum Rütli-Schwur erhoben, und am Ende stellen lebende Personen das von den Tyrannen übermalte Riesengemälde Ferdinand Hodlers nach: Tell in patriotischer Pose, Arnold und Mathilde davor Hand in Hand. Der Chor singt final von Freiheit. Das Licht wird weicher, die Botschaft seichter.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 07.03.2016 | 19:00 Uhr