Stand: 01.09.2017 16:29 Uhr

Egmont: Freiheits-Drama mit Tiefgang

von Daniel Kaiser

Thomas Hengelbrock startet die neue Saison der Elbphilharmonie mit einem besonderen Werk: Der Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters spielt mit seinen Musikern "Egmont" auf - Beethovens Musik zu Goethes großem Trauerspiel.

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Dirigiert bei der Opening Night zur neuen Saison der Elbphilharmonie das NDR Elbphilharmonie-Orchester: Thomas Hengelbrock.

Das ganze Drama steckt schon in den ersten Takten, in denen die Streicher mit großen, schweren Schritten die Tragödien-Bühne betreten. "Die Musik ist ungeheuer theatralisch, dramatisch und auch blutig", erklärt Thomas Hengelbrock. "Es ist unsere Aufgabe, dass es im Konzert auch wirklich Theatermusik wird und nicht in philharmonischem Schönklang steckenbleibt." Die Musik müsse im besten Sinne des Wortes 'charakteristisch' werden. Beethoven werfe Goethes Freiheits-Geschichte in einen "visionären Ideenkessel", schwärmt Hengelbrock. Alles, was auf der Bühne passiert, werde in der Musik in Extremen gestaltet.

Brandauer und Hengelbrock im Interview vor der Opening Night 2017 © NDR

Hengelbrock und Brandauer über "Egmont"

NDR Kultur

Brandauer und Hengelbrock präsentieren eine halbszenische Version des Dramas um den niederländischen Grafen Egmont, der seine Offenheit gegenüber den spanischen Herrschern mit dem Leben bezahlt.

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Ein wirklicher Revolutionär

Goethe schrieb den Polit-Thriller in aufregender Zeit. Die Uraufführung fand im Schicksalsjahr 1789 statt, als die Französische Revolution ausbrach. In dem Werk geht es um einen Glaubenskrieg im 16. Jahrhundert zwischen den Niederländern und den spanischen Besatzern. Graf Egmont kämpft für Glaubensfreiheit - bei Beethoven dann sogar noch ein bisschen radikaler, erklärt Thomas Hengelbrock: "Er macht aus diesem Egmont, der bei Goethe auch ein diplomatischer Mensch ist, einen wirklichen Revolutionär, der sein Leben gibt und sich radikal gegen die Besatzer richtet."

Live-Übertragung
mit Video

Opening Night 2017

01.09.2017 19:00 Uhr
NDR Elbphilharmonie Orchester

Saisonauftakt mit Livestream und Public Viewing: Gemeinsam mit Klaus Maria Brandauer brachten Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester Beethovens Musik zu Goethes "Egmont" auf die Bühne. mehr

Musik auf der Theaterbühne als Normalfall

Das Programm

Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60
Schauspielmusik mit Rezitation zu Goethes Trauerspiel "Egmont" op. 84 (Fassung Hengelbrock/Brandauer)

Katharina Konradi, Sopran
Klaus Maria Brandauer, Sprecher
NDR Elbphilharmonie Orchester
Ltg.: Thomas Hengelbrock

anschließend:
Nachtstudio - Lesungen und Musik
Ludwig van Beethoven:
Sonate Nr. 8 c-Moll op. 13 - Pathétique -
Bagatellen op. 126 (Auszüge)
2. Satz aus der Sonate Nr. 32 c-Moll op. 111
Klaus Maria Brandauer,
Sprecher
Víkingur Ólafsson,
Klavier

Live aus der Elbphilharmonie Hamburg auf NDR Kultur und
im Videolivestream hier.

Klaus Maria Brandauer spricht die Texte, die die Handlung vorantreiben. Heute ist eine solche Schauspielmusik mit einem Dialog von Musik und gesprochenem Wort eher ungewöhnlich. Damals hätten die großen Dichter anders gedacht und geschrieben - nicht nur Goethe. "Wenn Sie beispielsweise Shakespeare genau lesen, dann sehen Sie, dass er in seinen Stücken mit Musik rechnet. Genauso war es zu Mozarts Zeit üblich, dass gerade Bass- oder Bariton-Partien mehr gesprochen als gesungen wurden, so dass Kritiker damals monierten, man möge doch wenigsten ab und zu mal einen Takt singen", lacht der Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Goethe hatte seinen 'Egmont' von vorneherein als Schauspiel mit Musik angelegt. Nach einigen Versuchen anderer Komponisten hat sich Beethovens Version, die 20 Jahre nach der Uraufführung des Theaterstücks entstand, durchgesetzt.

Mehr als nur ein Polit-Drama

Natürlich darf auch eine Liebesgeschichte nicht fehlen: Clärchen liebt Egmont, kämpft und stirbt für ihn. "Das gehört sich dann auch so für ein gutes Drama: Die Guten müssen sterben, sonst ist es langweilig und man kann sich nicht wirklich damit identifizieren." sagt Hengelbrock. Clärchens Rolle scheine bei Beethoven aber noch mal in einem besonderen Licht: "Man könnte meinen, dass Clärchen nur eine Vision, eine Wunschvorstellung von Egmont ist. Jedenfalls ist Beethovens Musik hier sehr sphärisch, ja, fast schon impressionistisch komponiert." Egmont ist mehr als nur ein Polit-Drama. Das Stück geht mit Beethovens Musik tiefer. Sie verschaffe dem Zuhörer einen Erkenntnisgewinn tiefer emotionaler Art, ist Hengelbrock überzeugt. "Wenn das Leben, so, wie es mit allen seinen Verwerfungen ist, in große Kunst gegossen wird, kann es uns zu einem reicheren Leben verhelfen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 01.09.2017 | 08:55 Uhr

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