Stand: 15.12.2016 17:00 Uhr

Das Weihnachtsoratorium: Ein europäisches Werk

von Daniel Kaiser

Für den Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters, Thomas Hengelbrock, gehört es zu Weihnachten wie Lametta und "O du fröhliche": Bachs Weihnachtsoratorium. Doch das Stück ist mehr als ein Ritual. Es ist ein Teil europäischer Musikgeschichte.

Das Weihnachtsoratorium begleitet Thomas Hengelbrock schon sein ganzes Leben. Als Schüler hat er es gesungen, es später mit seiner Geige gespielt und unzählige Male dirigiert. Und doch ist es für ihn viel mehr als nur ein Weihnachtsritual. "Man wird nicht müde mit diesem Stück und entdeckt immer wieder neue Schönheiten. Es greift immer wieder direkt und ganz tief ins Herz", sagt der Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

Thomas Hengelbrock im Foyer der Laeiszhalle (Screenshot) © NDR

Hengelbrocks Klassik: Bachs Weihnachtsoratorium

Abschied mit Pauken und Trompeten: Thomas Hengelbrocks und das NDR Elbphilharmonie Orchester bringen Bachs Weihnachtsoratorium auf die Bühne der Laeiszhalle.

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Hengelbrock beschreibt das Werk als Basis seiner musikalischen Existenz: "Durch das Weihnachtsoratorium bin ich zum Musiker geworden." In den Arien und Chören finde man eine Innigkeit und Besinnung, die über den Lametta-Baum und "O du fröhliche" hinausgehe. Diese Musik führe einen zum Wesentlichen im Leben, so Hengelbrock.

"Happy Birthday!" für die Kurfürstin

Man nennt Bach den fünften Evangelisten, dessen Musik allein schon den Glauben zu verkündigen vermag. Doch auch im Weihnachtsoratorium hat Bach ältere weltliche Stücke aus seiner Feder noch einmal aufgewärmt und umgetextet. Der weltberühmte Eingangschor "Jauchzet! Frohlocket!" war mal ursprünglich eine Glückwunsch-Kantate für den Geburtstag der Kurfürstin von Sachsen.

Italienische Oper im Weihnachtskleid

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Das Weihnachtsoratorium begleitet den Dirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters,Thomas Hengelbrock, schon sein ganzes Leben.

Das Weihnachtsoratorium ist europäische Musik, denn für seine großen Werke hat Bach sich von musikalischen Moden von überallher inspirieren lassen. "Bach hat zwar in Leipzig gesessen, aber dort die ganze europäische Musikgeschichte zusammengebunden", erklärt Hengelbrock. "Der wusste sehr gut, wie man in Frankreich komponiert und wie man in Italien Opern schreibt. Er wusste auch genau, was seine norddeutschen Vorgänger geschrieben hatten. Bach ist die Zusammenfassung der Musik, die anderthalb Jahrhunderte vor ihm geschrieben worden ist."

Im Weihnachtsoratorium steckt besonders viel Italien. Das höre man an gerade solchen Arien wie "Ich will nur Dir zu Ehren leben". "Mit den beiden virtuos gesetzten Geigen könnte das auch von Vivaldi sein", sagt Hengelbrock. Und doch sei es einzigartig, wie Bach das Material fest verfuge. "Das Berührende am Weihnachtsoratorium ist ja, dass es nie nach theoretischer Schulmusik klingt. Es ist einfach ein unglaublicher Wurf."

Special Effects wie in Venedig

Sechs Teile hat das Weihnachtsoratorium. Meistens werden die ersten drei aufgeführt. Hengelbrock hat sich für den sehr bekannten ersten und die letzten drei Kantaten entschieden. Auch hier sind Schmuckstücke dabei. Eine Arie bespielsweise mit Special Effect - mit einem Echo. "Das machen wir auch, indem wir den Echo-Sopran auf die Empore stellen", so Hengelbrock. Johann Sebastian Bach habe diese Idee nicht als erster gehabt. Schon 100 Jahre zuvor habe man in San Marco in Venedig so musiziert. "Aber es ist sehr berührend und setzt auch viel Fantasie beim Zuhörer frei", so der Chefdirigent.

Wie Beethovens Neunte

Für Hengelbrock ist das Weihnachtsoratorium eines der ganz großen Werke der Musikgeschichte - mit einer Wirkung wie Beethovens Neunte, sagt Hengelbrock: "Es ist unbeschreiblich. Ich kann die Musik kaum dirigieren, ohne selbst davon ergriffen zu sein. Bach hat hier ein Meisterwerk geschaffen, das wie eine Madonna von Michelangelo ewig Bestand haben wird."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 15.12.2016 | 16:55 Uhr

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