Stand: 05.06.2015 13:55 Uhr

Colin Davis dirigiert Carl Nielsen

Carl Nielsen: Sinfonien 1-6
von Colin Davis
Vorgestellt von Marcus Stäbler

CD der Woche

Bild vergrößern
Die Aufnahmen enstanden zwischen 2009 und 2011 und wurden nun veröffentlicht.

Dänische Hot Dogs, Ferienhäuser und Bettenlager sind in Deutschland sehr beliebt. Doch der wichtigste dänische Komponist, Carl Nielsen, wird bei uns immer noch unterschätzt. Anders als in England: Dort hat sich der große Dirigent Colin Davis in seinen letzten Lebensjahren sehr für Nielsen ins Zeug gelegt. Zwischen 2009 und 2011 hat er alle sechs Sinfonien beim London Symphony Orchestra dirigiert. Zum Jubiläumsjahr des 150. Nielsen-Geburtstags sind die Konzertaufnahmen als Box erschienen.

Musik voller Energie

Die Musik springt den Hörer förmlich an. Diese Kraft und die rhythmische Energie gehören zu den Markenzeichen von Nielsens Sinfonien. Das ist in den Konzertaufnahmen unter Leitung von Colin Davis deutlich zu spüren. Die erste Sinfonie beginnt mit stürmischem Überschwang, zu Beginn der zweiten porträtiert der Komponist das Temperament eines Cholerikers und in der dritten bombardiert Nielsen seine Hörer mit einer Salve von Tonwiederholungen.

Nielsens Musik ist oft kantig und kernig. Anders als viele Komponisten seiner Zeit am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mied er den spätromantischen Schmalz. Das heißt aber nicht, dass es keine anrührenden Momente gäbe - im Gegenteil. Nielsen schuf sehr wohl innige Melodien und wunderbar lyrische Farben - oft inspiriert von der Naturschönheit seiner Heimat auf der Insel Fünen, mit ihren sanften Hügeln und dem saftigen Grün der Felder. Davis lässt die Phrasen weich aufblühen; die Mitglieder des Londony Symphony Orchestra spielen mit dezentem Vibrato.

Das Grauen des Krieges

Nielsen liebte seine Heimat, als jugendlicher Regimentsmusiker war er ein echter Patriot. Doch der Erste Weltkrieg erschütterte seinen Glauben an den Nationalismus. Dieser Wandel wie auch private Krisen haben in der Musik ihre Spuren hinterlassen - etwa in der vierten Sinfonie aus den Jahren 1914-16. Die aggressiven Spannungen des Stücks kulminieren in einem brachialen Paukenduell im Finale, von Davis packend inszeniert.

In der vierten Sinfonie mit dem Titel "Das Unauslöschliche" beschwört Nielsen den Kampf zwischen dem Grauen des Krieges auf der einen und unbändigem Lebenswillen auf der anderen Seite. In der fünften schichtet er Trommelrasseln und Bläserakkorde zu dissonanten Klangballungen aufeinander. Die Vorstellung einer heilen Welt ist längst von der Realität zerstört. Willkommen in der Moderne.

Kein Wunder, dass Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch und Maurice Ravel bei Nielsen einiges abgeguckt haben. Seine Musik ist aufregend und wahrhaftig. Eine große Entdeckung, auch dank Colin Davis und dem hervorragenden London Symphony Orchestra.

Carl Nielsen: Sinfonien 1-6

Label:
LSO

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 08.06.2015 | 06:40 Uhr