Stand: 11.04.2017 16:59 Uhr

Wie viel Politik verträgt die Musik?

von Anna Novák

Ein Artikel in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" hat in der Kulturwelt in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt. Kulturredakteurin Christine Lemke-Matwey spricht in einem Kommentar über das politische Engagement von Musikern - und stimmt dabei auch kritische Töne an. Sie schreibt, Musik spräche doch eigentlich für sich alleine, sich darüber hinaus zu äußern, sei nicht besonders mutig. Als Beispiel führt sie den Cellisten Alban Gerhardt an - der den Vorwurf so nicht hinnehmen möchte.

Persönliches Engagement für Europa

Alban Gerhardt spielt Bach - für Europa. Bei der wöchentlichen "Pulse of Europe" Demonstration auf dem Berliner Gendarmenmarkt musiziert er vor mehreren tausend Menschen und spricht sich anschließend für ein freies, weltoffenes Europa aus.

Es ist ihm ein persönliches Bedürfnis: "Ich habe vor nichts Angst, außer dieser abscheulichen Entwicklung. Ich hab Angst davor, dass die Leute sämtliche Vernunft hinter sich lassen und nur noch ihrer Angst nachgeben und Mist machen und Demokratie aufgeben und sich irgendwelchen populistischen Autokraten an den Hals werfen." Dass er seine Meinung auch öffentlich vertritt, findet der Cellist selbst nicht mutig - aber nötig:"Ich dachte immer, unser Publikum denke so wie wir, aufgeklärt und über die Grenzen hinausguckend. Aber das ist falsch. Ich habe mal ein paar Leute im Publikum gesprochen und der eine von denen unterstützte sogar Trump. Das war ein eigentlich sehr weltoffener Mensch, der viel rumgereist ist und Musik liebt. Der Irrsinn macht vor Geschmäckern nicht Halt."

Alban Gerhardt fühlt sich missverstanden

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Alban Gerhardt sieht seinen Einsatz als Notwendigkeit: "Der Irrsinn macht vor Geschmäckern nicht Halt."

Gerade deswegen hat ihn der Kommentar, den die Kulturjournalistin Christine Lemke-Matwey in der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlicht hat, so hart getroffen. Darin schreibt sie über das öffentliche politische Engagement von Musikern: "Die Verneinung alles selbstverständlich zu Verneinenden (Krieg, Gewalt, Faschismus) wirkt rasch wohlfeil. Und betulich. Und nervt."

Sie führt Alban Gerhardt und seinen Auftritt bei "Pulse of Europe" als ein solches Beispiel an - seine Reaktion: "Als dann dieser Artikel in der 'Zeit' kam, war ich einfach nur traurig, dass das so aufgefasst werden konnte. Also, ich wollte ja gar kein Lob, ich wollte nicht als mutig bezeichnet werden. Aber dass das mehr oder weniger als PR-Gag empfunden werden könnte, hat mich doch relativ fassungslos gemacht." Alban Gerhardt antwortet ihr in einem offenen Brief.

Musik für die Freiheit

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Der Pianist Igor Levit twittert unter @igorpianist immer wieder auch politische Statements.

Auch Igor Levit nimmt Christine Lemke-Matwey in ihrem Artikel in die Kritik. "Gefühlte 50 Anti-Trump-Tweets pro Tag" setze der Pianist ab, schreibt sie. Tatsächlich ist Levit einer, der den Mund aufmacht. Fast täglich äußert er sich zum Weltgeschehen - pro-europäisch und gegen den Brexit. Bisher hat er den "Zeit"-Artikel nicht kommentiert. Aber er lässt Musik sprechen. Auf seiner Facebookseite veröffentlicht er ein kleines Klavier-Video, zitiert dazu den Komponisten Ferruccio Busoni: "Die Musik wurde frei geboren. Und die Freiheit zu gewinnen ist ihr Schicksal."

Musiker schließen sich zusammen

Alban Gerhardt lässt sich vom Gegenwind durch die Berichterstattung nicht abschrecken. Gerade hat er die Initiative "Musicians4Europe" gegründet und ein gemeinsames Manifest verfasst. Darin heißt es:

Wir leben in alarmierenden, turbulenten Zeiten. (...) Wir glauben, dass eine kulturelle Handlungsaufforderung nötig und dringend ist. Musik ist die internationalste aller Sprachen. Deswegen fühlen wir uns ermutigt, unsere Botschaft zu teilen. aus dem Manifest "Musicians4Europe"

Zahlreiche berühmte Musikerkollegen aus ganz Europa haben das Manifest schon unterschrieben: Dirigent Paavo Järvi, Sänger Thomas Quasthoff und Pianist Leif Ove Andsnes beispielsweise. Alban Gerhardt wird weitermachen und seine Meinung äußern - egal, was im Feuilleton steht: "Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass sie vielleicht genervt ist von soetwas - weil Musiker halt nerven können, das stimmt. Aber das ist ja gerade gut: In solchen Zeiten müssen wir nerven, wir müssen unser Publikum nerven, damit sie vielleicht doch noch einmal überlegen, ob sie bei der nächsten Wahl dann AfD wählen oder doch jemanden pro-europäischen."

Cellist Alban Gerhardt  Fotograf: Thomas Rabsch

Alban Gerhardt und sein politisches Engagement

NDR Kultur -

Christine Lemke-Matwey kritisiert in einem Kommentar in der "Zeit" die politischen Äußerungen von Musikern. Der Cellist Alban Gerhardt möchte den Vorwurf so nicht hinnehmen.

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