Stand: 20.10.2015 10:16 Uhr

Von Hertz zu Herz: Hier wächst die "Elphi"-Orgel

von Daniel Kaiser

Nicht nur in Hamburg wird an der Elbphilharmonie gebaut. Auch in Bonn entsteht ein wichtiger Teil des neuen Konzertsaals: nämlich die Orgel. Mehr als 4.000 Pfeifen werden in der Werkstatt des Traditions-Orgelbauers Klais in Bonn gegossen oder geschnitzt und schon bald für die Reise nach Hamburg verpackt.

Nach Bach oder Buxtehude klingt das noch nicht, was Andreas Sage da aus den Pfeifen holt. Es brummt und schnarrt. Der künstlerische Leiter modelliert Ton für Ton und Pfeife für Pfeife am besonderen Klang der neuen Orgel. "Das ist hier der Pfeifenkindergarten. Hier lernen die Pfeifen zum ersten Mal, einen Ton von sich zu geben." Geduldig nimmt er sich eine nach der anderen vor und bearbeitet sie mit Messer und Hammer im Schnitt 20 Minuten lang, während Luft durchpustet, bis der Sound stimmt und alle Obertöne passen.

Mit Hammer, Zange und und Computer

Fingerabdrücke als Problem

Das ganze Lager in Bonn liegt voller Pfeifen: "Elbphilharmonie Hamburg" steht auf den Kisten und Regalen in der alten Fabrik. Alles ist genau sortiert: Wie die Orgelpfeifen eben. Die Handwerker müssen die kleinen und großen Kunstwerke oft wie rohe Eier behandeln. "Wir lassen auch manchmal die Plastikfolie dran, denn sonst haben wir Fingerabdrücke auf den Pfeifen. Der Schweißfilm brennt sich dann ins Zinn ein", erklärt Sage. Nicht nur deshalb kamen die Verspätungen beim Bau der Elbphilharmonie den Orgelbauern gar nicht so ungelegen. Die Finanzierung war dank eines Spenders sicher, und so konnten sie in Ruhe weitertüfteln - zum Beispiel an einem besonderen Lack für die Orgelpfeifen, an denen die Konzertbesucher später hautnah vorbeigehen können. Für die Pfeifen sind das nämlich Risikokontakte. Philipp Klais schubbert mit seinem Ehering an einem Pfeifenmodell und schaut zufrieden, als man nichts sieht. Der Lack wirkt.

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Auf dem Computermonitor ist die Orgel der Elbphilharmonie bereits in ganzer Pracht zu bewundern. Sie erstreckt sich über vier Stockwerke.
Physik und Erfahrungswerte

Klais kennt sich mit solchen Großprojekten aus. Der Chef der Traditionsfirma in vierter Generation baut und betreut Orgeln auf der ganzen Welt und wirft wie selbstverständlich in seinen enthusiastischen Vortrag Städtenamen von allen Kontinenten ein. Anfang kommenden Jahres will er die Hamburger Orgel einbauen und schwärmt schon jetzt von dem typischen Hamburger Klang. "Wir können die Elbphilharmonie bei uns zwar nicht simulieren, aber wir können jede der 4.800 Pfeifen schon mal vorbereiten", lacht er. Klais baut auf Physik und Erfahrungswerte.

Baumfällen bei abnehmendem Mond

Das beste Material wird verarbeitet. Und nicht nur das. Klais arbeitet ausschließlich mit Baumstämmen, die im Winter und nur bei abnehmendem Mond gefällt wurden. "Viele Menschen lächeln darüber und halten das für eine Verkaufsstrategie. Uns ist aber wirklich wichtig, mit Forstbetrieben zusammenzuarbeiten, die diese Tradition respektieren. Wir haben nämlich aus der Restaurierung gelernt, dass wir dann weniger Probleme mit Schädlingsbefall haben."

Orgel mit eigenem Treppenhaus

Am Computer kann man die fertige Orgel bereits sehen. Es wird ein Riesending. Der Orgelbauer Klaus Flügel zeigt am Bildschirm die vier Abteilungen der Orgel, die sich über mehrere Stockwerke erstrecken. Haushohe Orgelpfeifen sind zu erkennen. "Es gibt auch ein eigenes Treppenhaus von unten bis oben - das sind 13 Meter." Der Organist schimmert auf dem Bild durch einen Vorgang aus Orgelpfeifen. Die Konzertbesucher sitzen direkt vor dem Instrument. "Das sind besondere Plätze", lacht Klais. "Manche Orgelfans mögen es ja, wenn der ganze Körper bei den Tönen vibriert."  Einige Pfeifen werden außerdem als so genanntes Fernwerk unter der Decke des Konzertsaals angebracht, um so einen besonderen Klang zu erzeugen.

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Elke und Peter Möhrle haben zwei Millionen Euro für die Orgel gespendet. Sie freuen sich über die Fortschritte beim Instrumentenbau in Bonn.
"Ich will etwas zurückgeben!"

Der Hamburger Stifter Peter Möhrle streichelt mit der Hand über das polierte Holz einer Orgelpfeife. Er hat zwei Millionen Euro gespendet und freut sich über das Ergebnis. "Ich höre eigentlich schon heute, wie sie klingt und bin hellauf begeistert." Möhrle hat mit der Baumarktkette Max Bahr und mit deren rechtzeitigem Verkauf vor einigen Jahren viel Geld verdient. "Jetzt möchte ich der Stadt und den Menschen etwas zurückgeben", lächelt der 84-Jährige, der vor acht Jahren eine Stiftung gegründet hat. Der Impuls für das Orgel-Engagement kam nach einem Gespräch mit der früheren Kultursenatorin Karin von Welck. Orgelbauer Philipp Klais hat in dem Instrument eine klangliche Überraschung für Möhrle vorbereitet. Welche, ist aber noch ein Geheimnis.

Alles im Plan

Die Traditionsfabrik ist nicht groß genug, um die Orgel als Ganzes aufzubauen. In einer Halle nebenan werden deshalb die einzelnen Abteilungen des Instruments nacheinander aufgestellt und eingepackt. "Wir sind im Plan", freut sich Klais. Er will in der Elbphilharmonie einen Klang schaffen, der zu Herzen geht und auch Menschen überzeugt, die eigentlich nicht viel mit klassischer Musik anfangen können. "Wenn die sagen 'Oh, das hat mich berührt!' wäre das das größte Kompliment."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 20.10.2015 | 19:00 Uhr

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