Stand: 11.03.2016 18:13 Uhr

"Sun" auf Kampnagel: Moralkeule mit Schaf

von Daniel Kaiser

Hofesh Shechter, einer der Superstars der internationalen Tanz-Szene, zeigt in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel seine neueste Arbeit mit dem Titel "Sun". Es geht um das dunkle Erbe der Kolonialzeit

Szenenbild aus der Choreographie "Sun" von Hofesh Shechter auf Kampnagel © Gabriele Zucca, Kampnagel Fotograf: Gabriele Zucca

Tanz-Spektakel "Sun" auf Kampnagel

Hamburg Journal -

Als ob sich die Tänzer von einem Show-Spektakel wie "Riverdance" in einen Horror-Film verlaufen hätten: Choreograph Hofesh Shechter zeigte auf Kampnagel seine neueste Arbeit.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Schafe hüpfen auf der Weide. Ein Lämmer-Ballet, bei dem die Tänzer hinter Papp-Tieren stecken. Da naht der Wolf - auch er aus Pappe. Plötzlich ein gellender Todesschrei. Das ist die Grundbotschaft dieses im Wortsinn plakativen Abends: Wolf trifft Schaf. Kolonialherr trifft Afrikaner.

Hofesh schwingt den Holzhammer

Dass eine der besten Compagnien der Welt tatsächlich mit solchen bemalten Schildern tanzen muss, um die Botschaft vom Menschen, der für den Mensch ein Wolf ist, rüberzubringen, ist schon enttäuschend genug. Doch um ganz sicherzugehen, lässt Hofesh Shechter dann auch noch eine Stimme vom Band, die zwar sehr tief und dramatisch ist, aber ärgerlich unpräzise artikuliert, alle Unklarheiten beseitigen und das Motto wie ein Mantra artikulieren: "Dies ist eine einfache Geschichte von Gut und Böse." Kurz: Hofesh Shechter hat den Holzhammer herausgeholt.

Zivilisationsbrüche hinter der Musik

Bild vergrößern
Die plakative Kritik stand im starken Kontrast zu den hochfiligranen Bewegungen der Tänzer.

Schnell wird dann klar, warum am Eingang Ohrstöpsel verteilt wurden. Die Zivilisationsmusik von Richard Wagner, Irving Berlin oder aus dem Kirchengesangbuch, betont brav und symmetrisch vertanzt, eskaliert und verliert sich in Gewalt und im Triebhaften.

Es geht um den Abgrund und den Hintergrund unserer Zivilisation. Es geht um uns, die sogenannte westliche Welt, als Täter. Ein Dompteur dressiert mit verrückter "Ich werde die Weltherrschaft erringen"-Lache die Tänzer in ihren kleinteiligen rauschhaften Bewegungen. Es wird geprügelt und gemordet: die Schuld des Westens als Terror-Zirkus.

Das versprochene Happy End

Einerseits ist der Abend - gelinde gesagt - unterkomplex. Dann wieder verschwimmen die Konturen von Gut und Böse ins Unübersichtliche. Es bleibt irritierend, wie Shechter hier grobschlächtig die Moralkeule schwingt, wo sich seine Tänzer doch in allerfiligransten Bewegungen bis in die Fingerspitzen konzentrieren.

Gleich zu Beginn zeigt er einige Sekunden des lichten, harmonischen Finales, damit - so lässt er es die Stimme vom Band sagen - "Sie wissen, dass am Ende alles gut wird." Dieses Versprechen eines Happy Ends ist schon eine sehr subtile Variante der Publikumsbeschimpfung.

Jubel für leidenschaftlichen Tanz

Bild vergrößern
Der Applaus für die Compagnie sollte nicht mit Zustimmung für die Inszenierung verwechselt werden.

Am Ende gibt es viel Applaus und Jubel für die leidenschaftlichen und mitreißenden, hochbegabten Tänzer, denen man einfach gern zuschaut. Die Begeisterung darf man allerdings nicht allzu schnell als Zustimmung zur Idee hinter dem Tanz missverstehen. Denn, fragte man beim Publikum im Foyer genauer nach, hatten viele Zuschauerinnen und Zuschauer erhebliche Schwierigkeiten mit der Botschaft des Abends, empfanden sie wahlweise als moralinsauer, eindimensional oder auch einfach nur langweilig.

Erhobener Zeigefinger

Denn während die nervige Stimme vom Band am Ende noch einmal zur ultimativen Zivilisations-Anklage ansetzt ("Wir besetzen jeden Ort und jedes Land, um unseren barbarischen Durst nach Bequemlichkeit zu stillen"), ist die letzte Pose des Dompteurs zwar der wie nach einer gelungenen Zirkusnummer kunstvoll erhobene Arm, als wolle er aus der Manege des Terrors rufen: "Voila!" Doch auch der Zeigefinger ist erhoben.

"Sun" auf Kampnagel: Moralkeule mit Schaf

Hofesh Shechter gilt als einer der Superstars der Tanz-Szene. Seine Inszenierung "Sun" auf Kampnagel in Hamburg bot jedoch enttäuschend plakative Zivilisationskritik.

Datum:
Ort:
Kampnagel
Jarrestraße 20
22303  Hamburg
Telefon:
(040) 270 949 0
E-Mail:
mail@kampnagel.de
Kartenverkauf:
Tel: +49 (0)40 270 949 49
Mail: tickets@kampnagel.de
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 11.03.2016 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/musik/Sun-von-Hofesh-Shechter-auf-Kampnagel,sun110.html