Stand: 15.03.2017 14:54 Uhr

"Salām Syria" zeigt lebendige Kultur Syriens

Wie den Menschen ergeht es auch dem kulturellen Leben in Syrien: Durch den jahrelangen Krieg seiner Lebensgrundlagen und Entfaltungsmöglichkeiten beraubt, findet es im günstigsten Fall noch im Exil statt. Der facettenreichen syrischen Musikkultur ist das Festival "Salām Syria" vom 16. - 18. März in der Elbphilharmonie gewidmet. Der syrische Klarinettist Kinan Azmeh hat das Programm als Artist in Residence maßgeblich mitgestaltet und wird mehrfach beim Festival auftreten. NDR Kultur Moderatorin Petra Rieß hat mit ihm gesprochen.

Am 16. März beginnt das Festival "Salām Syria" in der Elbphilharmonie - auf dem Programm stehen drei Tage Musik aus Syrien. Was ist für Sie das Wichtigste bei diesem Festival?

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"Ich habe nur dieses Stück Holz mit seinen Silberklappen. Damit kann ich niemanden satt machen und auch keine Gewehrkugel aufhalten. Aber ich kann mit meiner Musik Menschen zum Nachdenken bewegen und sie für einen Moment glücklich machen", sagt Kinan Azmeh.

Kinan Azmeh: Zum einen sicherlich der Zeitpunkt - gerade jährt sich der Beginn des syrischen Aufstandes zum sechsten Mal. Zum anderen finde ich sehr wichtig, die lebendige syrische Kultur darzustellen. Das Festival deckt eine ganze Bandbreite von Musik ab - zeitgenössische ebenso wie traditionelle Musik und eben auch alles dazwischen. Es ist schön, dass hier die musikalische Vielfalt Syriens gezeigt wird - und das auch noch in so einem fantastischen Konzertsaal.

Am Sonnabend treten Sie mit dem Hewar Trio und einigen Gästen auf. "Hewar" ist arabisch und bedeutet "Dialog". Ist das als Motto für das gesamte Festival zu verstehen?

Azmeh: Ja, ich denke schon - das könnte sogar das Motto für jede Art des Musikmachens sein. Ich unterhalte mich sehr gerne. Und ich merke immer wieder, wie meine eigenen Ideen dadurch bereichert werden, dass ich sie mit anderen teile. Die Kombination ihrer und meiner Ideen ist viel wichtiger als unsere eigenen Ideen für sich genommen. Und um diesen Dialog geht es auf dem Festival: zwischen den Zuschauern und den Musikern, aber auch zwischen den Musikern selbst. Und hoffentlich wirkt dieser Dialog so ansteckend, dass er eine Plattform schafft, die über das Musizieren hinausgeht.

Die Künstler beim Festival "Salām Syria"

Dem Programm nach wird es wirklich ganz unterschiedliche Dinge zu entdecken geben: Bigband-Sound, klassische Orchestermusik, die Kammermusik mit Ihrer Klarinette - gibt es in all diesen Stilen etwas, was gleich bleibt, eine syrische Eigenart?

Azmeh: Ja, die gibt es. Ich mag allerdings nicht in Kategorien denken. Wenn man etwa definieren sollte, was die deutsche Musik ausmacht, kann man dies nicht isoliert vom Rest der Welt tun. Ich begreife Musik als Kontinuum. Um Musik zu machen, braucht man drei Dinge: Zunächst muss man etwas zu sagen haben. Dann braucht man das Mittel dazu, in meinem Fall ist es die Klarinette. Und man muss die Möglichkeit haben, mit anderen zusammenzuarbeiten, um dabei - wie ich eben schon meinte - über sich hinauszuwachsen.

Und in diesem Sinn betrachte ich das Programm des Festivals auch als Kontinuum: Es gibt keine klare Grenze, wo der Bigband-Sound endet und die traditionelle syrische Musik anfängt. Ich denke, so etwas wie die reine syrische Musik gibt es gar nicht. Ich glaube überhaupt nicht an das Konzept von Reinheit. Syrien selbst umfasst die unterschiedlichsten Kulturen. Als ich in Damaskus aufwuchs, lernte ich Bach, Mozart und Brahms zu spielen, war aber gleichzeitig der arabischen, kurdischen und armenischen Musik Syriens ausgesetzt. Und das mag ich: Die Dinge sind immer komplexer als die Kategorien, in die die Menschen sie zu pressen versuchen.

Wo wir gerade beim Thema Dialog waren: Sie leben in den USA, einem Land, in dem die Menschen gerade große Schwierigkeiten haben, in den Dialog zu treten. Wirkt sich das auf den Alltag in Ihrer Heimatstadt New York aus?

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Mit dem syrisch-armenischen Künstler Kevork Mourad hat Kinan Azmeh das audiovisuelle Werk "Home Within" ("Innere Heimat") geschaffen, das auf die jüngere Geschichte Syriens Bezug nimmt.

Azmeh: New York ist eine weltoffene Stadt, in der man wie in einer kleinen Blase lebt. Von Trumps Einreisestopp war ich trotzdem direkt betroffen: Als syrischer Greencard-Besitzer konnte ich zunächst tagelang nicht zurück nach New York. Am Ende war es kein Problem, aber der Vorfall zeigte mir, wie nötig es ist, einen Dialog loszutreten, der die Menschen ansteckt und sich auf beiden Seiten des Atlantiks, über die ganze Welt ausbreitet. Ich spüre das ansonsten nicht so direkt in meinem Leben, weil ich mich mit weltoffenen Menschen umgebe. Mein unmittelbares Umfeld aus Freunden und Familie und den Musikern, mit denen ich arbeite, hat eine sehr offene Haltung in Bezug auf die Dinge. Außerdem bin ich vom Wesen her grundsätzlich ein Optimist und finde immer jemanden, mit dem ich einen Dialog anfangen kann. Und das erhält mir meinen gesunden Menschenverstand.

Wann, denken Sie, wird es Ihnen wieder möglich sein, in Syrien Musik zu spielen?

Azmeh: Ich hoffe bald. Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr in Syrien gespielt. Das ist eine persönliche Entscheidung für jeden Einzelnen, aber ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen, dort aufzutreten, solange die halbe Bevölkerung des Landes nicht mal nach Hause gehen kann und solange es politische Gefangene gibt. Das fühlt sich nicht richtig an. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich eines Tages wieder dort spielen kann. Dieses Festival könnte doch in sein Ursprungsland reimportiert werden.

Das Interview führte Petra Rieß.

Tipp
mit Video

"Salam Syria": Abschlusskonzert im Videostream

NDR Kultur

Das Abschlusskonzert des Festivals "Salām Syria" in der Elbphilharmonie ist mit dem Slogan "Syrien und die Welt" überschrieben. Hier können Sie den Abend im Videolivestream verfolgen. mehr

Links
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Programmbuch zum Festival "Salām Syria"

Auf der Homepage der Elbphilharmonie Hamburg finden Sie das Programmbuch zum Festival "Salām Syria", das vom 16. - 18. März in der Elbphilharmonie stattfindet. extern

Link

Fotoalbum "Heimatbilder"

Zum Festival "Salām Syria", das vom 16. - 18. März in der Elbphilharmonie Hamburg stattfindet, hat der Projektchor "Salām Syria" das Fotoalbum "Heimatbilder" gestaltet. extern

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 23.03.2017 | 16:20 Uhr

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