Stand: 07.10.2015 10:05 Uhr

Klassik nur für die Elite?

von Elisabeth Richter
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Ist Musik nur etwas für eine privilegierte Schicht oder hat sie auch eine Aufgabe? Diese Frage wurde in der Dialogreihe "Bridging the Gap" erörtert.

Unter dem Motto "Bridging the Gap" - die Lücke schließen, Brücken bauen - wurde 2013 vom Verein zur Förderung des Israel-Museums und dem Thalia Theater Hamburg eine Dialogreihe ins Leben gerufen. Sie bezieht sich auf das gleichnamige palästinensisch-jüdische Kunstprogramm des Israel-Museums in Jerusalem.

Im sehr gut besuchten Hamburger Thalia Theater fand nun bereits die neunte Veranstaltung der Dialogreihe "Bridging the Gap" statt. Das Thema hieß: Seid umschlungen, Millionen - Klassik für die Elite oder für alle? Dabei diskutierten der neue Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, Kent Nagano, und der Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters, Thomas Hengelbrock, ob klassische Musik Brücken bauen kann und ob sie hilft, soziale und ethnische Grenzen zu überwinden. Es moderierte der Intendant des Thalia Theaters, Joachim Lux.

Ein Künstler soll begeistern

"Kreativität, Inspiration, Disziplin, Fokussierung, Ziel, Strategie, Effizienz" - auf die Frage des Thalia-Intendanten, ob klassische Musik nicht doch eher etwas für sogenannte privilegierte Klassen sei, nannte Nagano gleich ein ganze Reihe von Eigenschaften, die durch die Beschäftigung mit Musik von deren nachhaltiger Wirkungskraft ausgebildet werden. "Musik ist vielleicht das beste Training für jeden Beruf - nicht nur für musische. Für alle Berufe! Es ist das demokratische Prinzip als klingende Philosophie."

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Der Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters Thomas Hengelbrock ist auch Spezialist für historische Aufführungspraxis.

"Eins ist enorm wichtig, dass die klassische Musik als die Krönung der gesamten Kultur zugänglich bleibt", meint Hengelbrock. Der Chefdirigent der NDR Sinfonieorchesters ist wie Nagano ein Künstler, der sein Publikum zu begeistern vermag - eine Grundvoraussetzung, damit die Musik das Publikum überhaupt erreicht.

Musikalische Grundkenntnisse fehlen

Doch Hengelbrock setzt noch viel früher an: "Da liegt Versäumnis in den Schulen: Wir können in den Orchestern, in den Opernhäusern, in den Theatern, uns mit Nachwuchsförderung und Vermittlungsprogrammen abstrampeln, wenn es in der Schule einfach keinen Musikunterricht mehr gibt."

Ein Problem sei, so Thomas Hengelbrock, dass der - früher selbstverständliche - "klassische Bildungskanon" nicht mehr existiere, zu dem natürlich auch gewisse musikalische Grundkenntnisse gehörten. "Wenn jemand, der nie Mozart gehört hat und für den Brahms und Bruckner Fremdwörter sind, plötzlich in ein zeitgenössisches Stück kommt - der hat diese Sprache nicht gelernt. Ich glaube, das ist das Problem, dass diese Sprache nicht mehr unterrichtet wird."

Keine fertigen Formeln für alle Situationen

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Der gefragte US-amerikanische Dirigent Kent Nagano ist seit 2015 Hamburgischer Generalmusikdirektor.

Hilft es, diesem Mangel zu begegnen, also die Bildungslücke zu schließen, zu kompensieren, so fragte Moderator Lux, indem thematisch gebundene Angebote gemacht werden? "Wenn man sagt, man hat Krieg und man macht Benjamin Britten und man hat Flüchtlingsproblematik und man macht eine Flüchtlingsoper - also themenbezogene Programme - hilft das? Oder ist man da nicht eigentlich schon in der Falle? - "Ich glaube, es ist immer gefährlich, eine einfache Formel für alle Situationen zu haben. Das hängt mit dem Kontext zusammen und woher die Probleme kommen. Manchmal muss man einfach Mut haben, das zu teilen, woran man glaubt. Denn mit dieser Ehrlichkeit, wird etwas kommuniziert", entgegnet Nagano.

Bedeutung kultureller Bildung für die Gesellschaft

So hat Nagano zum Beispiel als Chefdirigent in Montreal über zwei Jahre sein Publikum mit der komplexen Musik von Pierre Boulez vertraut gemacht - und hatte am Ende ausverkaufte Konzerte. Konkrete Lösungen konnte dieser Dialog der beiden Chefdirigenten im Hamburger Thalia Theater natürlich nicht bieten. Einigkeit herrschte über die Bedeutung kultureller Bildung für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. "Vielleicht geht ja dann der Wunsch von Georg Friedrich Händel, einer der großen Vor-Vor-Vorgänger von Kent, in Erfüllung, der gesagt hat: 'In meiner Musik möchte ich die Menschen besser machen'", sagt Hengelbrock.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.10.2015 | 07:20 Uhr