Stand: 28.09.2015 19:00 Uhr

Kent Nagano: Hamburg aus Überzeugung

von Daniel Kaiser
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Nicht nur Dirigent Kent Nagano fühlt sich von Hamburg angezogen. Schon im 18. Jahrhundert übte die Hansestadt eine große Anziehung auf zeitgenössische Komponisten aus.,

Kent Nagano ist mit einer tiefen Verbeugung vor der Hamburger Musiktradition in seine erste Saison in der Hansestadt gestartet. Beim Konzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester in der Laeiszhalle standen ausschließlich Werke von Komponisten, die einmal in Hamburg gewirkt haben, auf dem Programm.

Was für ein spannender Hamburg-Mix! 300 Jahre Musikgeschichte der Stadt in drei Stunden: Mit Cembalo-Musik von Georg-Philipp Telemann, mit Klängen des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel, und auch Musik von Gustav Mahler, György Ligeti und Peter Ruzicka war dabei. Interessanterweise sind dies alles Komponisten, die nicht in Hamburg geboren wurden wie Brahms, Mendelssohn oder Hasse. Alle waren Zugereiste - wie Nagano: Hamburger aus Überzeugung!

Folkloristischer Schwung

Der Ungar György Ligeti beispielsweise lehrte in den 70er- und 80er- Jahren in Hansestadt Komposition. Nagano wählte dessen "Concert Romanesc" aus den 50er-Jahren, das damals von den Stalinisten verboten wurde, als effektvollen Konzertauftakt. Das Werk steckt voller Bewunderung für die Volksmusik Ungarns und Rumäniens und verbindet die folkloristische Weite mit tänzerischem Rhythmus.

Nagano dirigiert die Stille

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Schon die musikalische Ausbildung des Komponisten und Dirigenten Peter Ruzicka begann in Hamburg. Mit der Hansestadt verbindet ihn auch heute noch viel.

Peter Ruzicka, der in den 90er-Jahren Opern- und Philharmonie-Intendant in Hamburg war, ist für die Aufführung seines Stücks mit dem Titel "... ins Offene ..." für 22 Streicher extra nach Hamburg gekommen. Am Ende wurden die Streicher immer leiser, bis man gar nichts mehr hörte. Nagano dirigierte die Stille. Die Streicher bewegten ihre Bögen, doch kein Ton erklang. Eine Fantasiemusik!

Höhepunkt: Mahlers Vierte

Bei den dramatischen Momenten von Mahlers 4. Sinfonie schüttelte Nagano seine schwarz-graue Mähne. Das Lied von den "Himmlischen Freuden" (bei dem Dorothea Röschmanns Sopran hell funkelte), auf das Mahler für das Finale zurückgriff, hatte er in Hamburg komponiert. Nagano führte die Philharmoniker souverän und sinnlich durch die dramatische Pauken- und Trompeten-Phasen bis zu den allerzerbechlichsten sphärisch-ätherischen Klängen im dritten Satz.

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Die Laeiszhalle wurde 1908 eingeweiht. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie das größte und modernste Konzerthaus Deutschlands.

Immer wieder kitzelte er die Klarinetten aus dem Orchesterklang hervor, die ihre Instrumente dann über die Notenständer in die Luft hoben. Der Konzertmeister Konradin Seitzer war aber der heimliche Star des Konzerts. Er spielte die Solo-Momente bei Mahlers Vierter mit solcher Inbrunst , dass es ihn kaum auf seinem Stuhl hielt. Sein entschlossener, kraftvoller Strich allein verschaffte der Musik mit ihren grotesk-volkstümlichen Motiven eine finstere und dramatische Doppelbödigkeit.

Erst ins Konzert - dann ins Museum

Nach diesem besonderen Hamburg-Konzert mit viel Applaus und Jubel hat Nagano noch am Sonntagnachmittag das neue "Komponistenquartier" in der Nachbarschaft der Laeiszhalle besichtigt, dessen Schirmherr er auch ist. Es war sozusagen das Museum zum Konzert. Nagano betont seit Wochen, wo er geht und steht und dirigiert, wie wichtig ihm die Hamburger Musikgeschichte ist. Und die Hamburger nehmen wohl wahr, dass sich da ein Großer an den goldeneren Zeiten orientiert und wirklich etwas mit dem historischen Klang und nicht nur mit dem PR-Dampfgeplauder des Begriffs "Musikstadt Hamburg" anfangen kann.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 28.09.2015 | 19:00 Uhr