Stand: 31.01.2016 10:30 Uhr

Hengelbrock mit Karajan Musikpreis geehrt

von Elske Brault
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v.l.n.r.: Horst Weitzmann von der Festspielhaus-Stiftung, Thomas Hengelbrock, Laudator Klaus Maria Brandauer

Thomas Hengelbrock, der Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters, hat den mit 50.000 Euro dotierten Herbert von Karajan Musikpreis erhalten. Der gebürtige Wilhelmshavener hat viele Jahre in Süddeutschland gewirkt, in Freiburg hat er den Balthasar-Neumann-Chor und das Balthasar-Neumann-Ensemble gegründet. Mit diesen beiden führte er im Festspielhaus Baden-Baden am Samstagabend das Oratorium "Elias" von Felix Mendelssohn-Bartholdy auf. Und nahm den Preis entgegen.

Laudator Brandauer spricht "über einen Freund"

Kaum eine Musik könnte geeigneter sein für Hengelbrock, könnte besser die Entscheidung für ihn als Karajan-Preisträger begründen als der "Elias". Mendelssohns Oratorium lässt die Solisten teilweise a cappella singen, einzelne Stimmen sind aus dem Chor hervorgehoben, aber auch das Orchester kann in furios-dramatischen Passagen seine Virtuosität unter Beweis stellen. Und das entspricht hundertprozentig Hengelbrocks künstlerischem Credo: Es kommt auf jeden Einzelnen an. Oder, wie Klaus Maria Brandauer, Mitgestalter zahlreicher literarisch-musikalischer Programme Hengelbrocks, in seiner Laudatio sagt: "Du bist wichtig!" Damit wendet Brandauer sich um zum Orchester, zeigt auf einzelne Musiker: "Und du! Und du!" Und dann wieder zum Publikum: "Und Sie!" Er habe sich auf seine Rede sehr gut vorbereitet und allerhand notiert. Doch er habe gemerkt, dass er kein Musikwissenschaftler sei. "Dann habe ich das zur Seite gelegt und habe über einen Freund gesprochen."

"Liebe Hengelbrock-Fans", so spricht Horst Weitzmann, Vorsitzender der Festspielhaus-Stiftung, die versammelten Millionäre im Publikum an. Auch die Familie Porsche ist angereist. Viele hier können sich rühmen, Thomas Hengelbrock früh gefördert zu haben. Seit Einweihung des Festspielhauses 1998 hat er regelmäßig Mozart- oder Verdi-Opern in Deutschlands größtem Konzertsaal dirigiert.

Preisgeld kommt kubanischen Nachwuchsmusikern zugute

Was er empfangen hat, gibt er nun weiter: Die 50.000 Euro Karajan-Preisgeld dienen der Nachwuchsförderung, besonders der Kubanisch-Europäischen Jugendakademie. Die entstand vor zwei Jahren bei einer Konzertreise nach Havanna. Auf Kuba, sagt Hengelbrock, würden die Musiker ihre Kontrabässe teilweise mit Wäscheleinen bespannen, weil sie kein Geld für Saiten haben. Die jungen, verwöhnten europäischen Studenten hätten gestaunt, wenn sie dort mit den Kubanern zusammen musiziert hätten. "Bei den Familien auf dem Boden schlafen, 'ne Woche, und dann jeden Tag Reis und Bohnen essen und nicht mehr." Doch die Erfahrung habe sie sehr glücklich gemacht. "Und mehrere von meinen jungen Musikern haben dieses Jahr sogar Weihnachten da verbracht", sagte der Dirigent.

Lange Stille, dann bricht Jubel aus

Ein bisschen Weihnachtsstimmung breitete sich am Samstagabend auch im Konzert aus - dank der Präzisionsarbeit auf der Bühne. Die wunderbar ausdrucksstark singenden Solisten, allen voran Bariton Michael Nagy als Elias, der exakt artikulierende Balthasar-Neumann-Chor, das Orchester, das mit dem stumm mitsingenden Hengelbrock gemeinsam zu atmen scheint. Nach dem letzten Ton herrscht fast eine Minute völlige Stille im Saal. Erst dann löst sich die Spannung, bricht Jubel aus.

Preisträger Hengelbrock bleibt kritisch gegenüber dem Namensgeber des Preises und gegenüber sich selbst. Herbert von Karajan hätte seine, Hengelbrocks Generation, am Ende als erstarrt empfunden. "Es war mehr Business als wirklich Kunst. Das wird nicht ausbleiben, dass in Kürze die jungen Leute kommen und sagen: 'Boah, jetzt kriegt der Hengelbrock so'n Preis, das ist doch völlig unverdient. Das ist doch so was Langweiliges, was der macht, wir müssen das alles wieder neu erfinden.' Und das ist der Gang der Geschichte."

Preisverleihung zieht nach Salzburg

Auch mit dem Karajan-Preis geht es weiter. Er wird ab nächstem Jahr nicht mehr in Baden-Baden, sondern in Salzburg verliehen - auf Wunsch der Witwe Eliette von Karajan. Vielleicht ein kleiner Ausgleich dafür, dass die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle nicht mehr in Salzburg auftreten, sondern die Osterfestspiele in Baden-Baden gestalten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 31.01.2016 | 10:20 Uhr