Stand: 30.10.2014 12:15 Uhr

Hamburgs cooler Konzertsaal

von Daniel Kaiser

Die Musiker spielen Vivaldi lustvoll, leidenschaftlich, eruptiv - und in Turnschuhen. Hamburgs cooles Orchester, das Ensemble Resonanz, hat seit Oktober 2014 auch ein richtig cooles Zuhause. Der Saal in dem grauen Bunker-Koloss sieht aus wie ein lässiger Musikclub mit einem Kronleuchter aus Plastikflaschen. Der Resonanzraum hat Platz für etwa 300 Zuschauer und wurde zum großen Teil mit Hilfe von Sponsoren bezahlt. Eine Erfolgsgeschichte!

Drehende Stahltore gestalten den Klang

Mit einfachen Mitteln hat der Architekt Jörg Friedrich aus der Betonhöhle im Bunker eine akustische Perle gemacht: Mit großen Stahlplatten an den Wänden, die auf einer Seite hart und auf der anderen durchlöchert sind. "Wenn man diese Stahltore dreht, klingt der Raum anders", erklärt Friedrich. Bei der Generalprobe im leeren Saal war alles gut gegangen. Vor der Premiere gab es trotzdem Herzklopfen. "Da hatten alle Angst, dass die Musik bei vollem Saal dumpfer klingt", erzählt der Architekt. Während des Eröffnungskonzerts haben die Musiker Zeichen gegeben, die Stahltore wurden daraufhin gedreht. Der Klang wurde so angepasst. Tobias Rempe, der Geschäftsführer des Ensemble Resonanz, atmet auf: Der Sound stimmt. "Im leeren Raum kann man CD-Aufnahmen machen", schwärmt er. "Auch, wenn der Saal voll besetzt ist, hört man alles - auch die Energie und die Anstrichgeräusche".

Klassik ohne Schnickschnack

In Hamburg gibt es eine Woge der Zuneigung zu diesem Orchester. Reiches Bürgertum spendete Geld und am Schluss sogar einen Steinway-Flügel. Denn alle spüren irgendwie: Wenn die klassische Musik wirklich einer Rettung bedarf, dann ist das Ensemble Resonanz der Defibrillator. Im Resonanzraum, diesem lässigen Hermaphroditen zwischen Klub und Konzertsaal und einer Bar, bei der bisweilen Bierflaschen arythmisch zu Bach klirren, soll Musik ohne parfümierten Traditions-Schnickschnack erklingen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass andere Konzerthäuser viele abschrecken würden, meint Rempe. "Es liegt oft an den Rahmenbedingungen: Rituale, vorausgesetzte Ehrfurcht, aufgesetztes Expertentum, Insiderwissen! Das schreibt man der Musik oft zu. Aber diesem Raum wird man das alles nicht zuschreiben", hofft er. Der Resonanzraum soll eine offene Tür für alle werden, die Lust haben, klassische Musik zu hören.

"Wichtiger Schritt für die Musikstadt Hamburg"

Zum Eröffnungskonzert für die Förderer und Spender erklangen CPE, Vivaldi, Bruckner und ein zeitgenössischer finnischer Komponist: Geigen, eine E-Gitarre und eine enthusiasmierte Kultursenatorin Barbara Kisseler, die das Ensemble Resonanz ohnehin heiß und innig liebt. Sie will den Resonanzraum "als einen wichtigen und richtigen Schritt für die Musikstadt Hamburg verstehen."

Die Kulturszene ist begeistert

Auch Hamburgs Kulturmacher sind hin und weg. Der Intendant des Thalia Theaters Joachim Lux schwärmt von der Metamorphose des Bunkers. "Dass aus einem militärischen Koloss ein Ort für die Musik wird, ist phantastisch! Die Musikstadt Hamburg muss nicht erst entstehen. Sie ist schon da." Von einem Modell für andere Orte war in den Ansprachen gestern oft die Rede. Auch Amelie Deuflhard, die Chefin der Kulturfabrik Kampnagel, sieht Potenzial. "Der Resonanzraum ist ein Beweis dafür, dass innovative Konzepte  auch auf einen Resonanzkörper in dieser Stadt treffen können."

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 30.10.2014 | 19:00 Uhr

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