Stand: 15.05.2017 15:44 Uhr

Unterhaltsame Miniopern über den Wahnsinn

von Peter Helling

Die beiden modernen britischen Opern "Das Medium" von Peter Maxwell Davies und "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" von Michael Nyman beschäftigen sich mit den Abgründen der menschlichen Seele, dem Wahnsinn. Ini Gerath hat diesen anspruchsvollen Doppelabend an der Kammeroper Hamburg inszeniert, die musikalische Leitung hatte Ettore Prandi.

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Dr. P. ist Musiker, Sänger und Lehrer an einer Musikhochschule. Nur mit Singen kann er seinen Alltag noch meistern.

Wahnsinn auf der Opernbühne: Das kann ganz schnell etwas Lächerliches haben. Dass es auch anders geht, beweist dieser Abend. Eine Frau im Bademantel, sie kann offenbar aus der Hand lesen: Sie ist ein Medium. Aber sie hat auch ein schmerzhaftes Geheimnis, wird von der Erinnerung an ein totes Kind gequält. Offen bleibt, ob es ihr gehört - oder ob sogar sie selbst das Kind ist.

Kristin Ebner stemmt diese Sopranpartie in der ersten Minioper des Abends, "Das Medium", bravourös: Sie zeigt eine gebrochene Seele, die um den Abgrund kreist. Das kluge Bühnenbild von Kathrin Kegler hat einen verspiegelten Boden, darauf steht ein schwerer Tisch - mit geheimnisvoller Schublade. Quer über die Bühne sind Seile gespannt. Ein Seelengefängnis.

Das Publikum in der Hamburger Kammeroper ist gefordert und lässt sich ein auf diese Höllenfahrt einer seelisch gepeinigten Frau. "Modern auf jeden Fall, aufregend, es war mal was ganz anderes!", meint ein Zuschauer. Anderen hat es "sehr gut gefallen, sehr außergewöhnlich, ganz anders als erwartet."

Was komisch beginnt, wird bald todernst

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Der Komponist Michael Nyman wurde für seine Filmmusik mit einem Oscar ausgezeichnet.

Der zweite Teil beginnt wie ein witziges Kammerspiel. Dr. P., ein hochintelligenter Professor für Gesang, ist glücklich verheiratet. Aber er bringt plötzlich Dinge durcheinander. Wie der Titel der Oper verrät, verwechselt er sogar seine Frau mit seinem Hut. Was komisch klingt, wird todernst. 

Michael Nyman, der mit seinem Oscar-prämierten Soundtrack von "Das Piano" bekannt wurde, hat diese Oper komponiert. Die Musik vibriert nervös, zeigt, wie ein menschliches Gehirn langsam aus der Spur gerät. Ein Arzt versucht, die Störungen des Professors zu verstehen, singt in sein Diktiergerät - und das wirkt völlig natürlich.

Dann plötzlich die Erkenntnis: Der Kranke ist beim Musizieren, beim Singen, völlig klar. Seine Musik ist die Brücke zum Alltag. Wie das Schumann-Lied "Ich grolle nicht …" beweist.

Ein Stück zum Mehrmals-Sehen

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Die Hamburger Kammeroper befindet sich seit 1996 im Allee-Theater.

"Das zweite Stück war ganz fantastisch, musikalisch", findet ein Besucher. "Man glaubt es nicht, und die Stimmen waren auch sehr gut. Ich werde noch mindestens drei Mal hierhergehen, Ich bin begeistert!" Und auch andere wollen wiederkommen, wenn auch aus anderen Gründen: "Ich muss das erst begreifen mit dem Sehen und den Texten und der Musik zusammen, fünf bis sechs Mal muss ich hingehen, um das zu begreifen!"

Beide Teile dieses sehens- und hörenswerten Opernabends sind optisch verknüpft: Die Seile des Bühnenbilds im ersten Teil werden zu Notenzeilen im zweiten, die plötzlich - statt einzukerkern - Halt geben. Und die Schublade verbirgt immer die tiefsten Geheimnisse.

Regisseurin Ini Gerath und ihre starken Sänger und Musiker lassen mit dieser aufregend neuen Opernmusik ins Unterbewusste blicken. Das erschreckt, nimmt mit, ist packend. Jede Note drängt sich hier zwischen Vernunft und Wahnsinn. Jeder Seelenriss ist ein Ton.

Unterhaltsame Miniopern über den Wahnsinn

Zwei kurzweilige und doch anspruchsvolle Kammeropern, die sich mit den Abgründen der menschlichen Seele beschäftigen, zeigt das Hamburger Alleetheater in seinem Sommerprogramm.

Datum:
Ende:
Ort:
Hamburger Kammeroper
Max-Brauer-Allee 76
22765   Hamburg
Telefon:
(040) 380 23 811
E-Mail:
kasse@alleetheater.de (Kartenreservierung), info@alleetheater.de (allgemeine Fragen),
Kartenverkauf:
Kartentelefon:
Mo - Fr von 10 bis 18 Uhr
Sa und So von 11 bis 16 Uhr
Hinweis:
"Das Medium"
von Peter Maxwell Davies" und
"Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte"
von Michael Nyman

Musikalische Leitung: Ettore Prandi 
Regie: Ini Gerath 
Bühne: Kathrin Kegler
Kostüme: Barbara Hass
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 15.05.2017 | 19:00 Uhr

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