Stand: 26.02.2016 11:30 Uhr

Sprühender Sex mit Augenzwinkern

von Peter Helling

Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Don Giovanni" hatte am Mittwoch in der Hamburger Kammeroper Premiere. Die musikalische Leitung liegt bei Ettore Orandi, Birgit Scherzer inszeniert.

Szenen aus "Don Giovanni" an der Kammeroper Hamburg

Wenn Leporello zu Beginn die weiblichen Eroberungen seines Herrn Don Giovanni aufzählt und dabei auf sein Smartphone schaut, gehen sie in die Hunderte. Selbst in Deutschland seien es fünfzig, singt er. In Spanien jedoch mehr als tausend. "Das ist sprühender Sex", freut sich ein älterer Zuschauer, der die Hamburger Kammeroper der Staatsoper vorzieht. Hier sei er näher dran und fände es viel ursprünglicher als im großen Theater. Und wirklich: In der Hamburger Kammeroper ist man sehr dicht am Geschehen. Man erlebt die Handlung unmittelbar mit. 

Casanova als Vorbild

Doppeldeutig ist an der Musik Mozarts und am Libretto Lorenzo da Pontes wenig. Die Oper ist eine eindeutige Huldigung an die Sinnlichkeit, an den Sex. Der legendäre Casanova diente als Vorbild für Don Giovanni. Er ist der Inbegriff des vitalen Liebhabers.

An der Kammeroper trägt Don Giovanni Lederjacke und T-Shirt. Überhaupt gibt es zeitgenössische Kostüme, Jeans, Sommerkleider, Anzüge. Das funktioniert gut. Schon charmant, wenn in der Inszenierung eine der vom Publikum gefürchteten Nacktszenen droht. Doch Hauptdarsteller Marco Ascani lässt zwar seine Hose herunter, wechselt aber nur sein T-Shirt, um sich fein für eine neue Dame zu machen. Dass sein Shirt den Schriftzug der Rockband Motörhead trägt, ist ein gelungener Kontrast zur strahlenden Musik.

Packende Handlung in Trümmern

Die Stimmen glänzen. Das kleine Orchester unter der Leitung von Ettore Prandi spielt mit Dynamik und geschliffenem Klang.

Die Bühne von Kathrin Kegler zeigt eine Art Trümmerlandschaft: einen abgebrochenen Fußboden, einen blutigen Vorhang, hinter dem sich am Ende der berüchtigte Komtur, der Rachegeist Don Giovannis, als Schatten abzeichnet. Da wird es richtig schaurig. Erstaunlich, wie sehr die Handlung bis heute packt.

Es stellt sich die Frage: Bewundern wir nicht alle ein bisschen diesen "Mega-Lover"? Oder freuen wir uns insgeheim über den Untergang eines moralisch zweifelhaften Menschen, der jeden, wirklich jeden für die schnelle Nummer verrät? Beides. Schadenfreude und Neid sind immer dabei, Mozart zeigt uns einen Spiegel. Der moralische Zwiespalt ist Kern der Oper. Denn: Don Giovanni wird nicht als Vergewaltiger gezeigt. Hier gilt stattdessen: Für einen Tango braucht es zwei. "It takes two to tango" erklingt es musikalisch.

Ein Ensemble mit Power und Spiellust

Und ja, der Abend ist sexy, ohne dass alles gezeigt wird. Das junge Ensemble sorgt dafür, weil es mit Power spielt und nicht in hohlen Gesten erstarrt. Schade ist nur, dass aufgrund der Kürze der Inszenierung die psychologische Tiefenbohrung etwas zu kurz kommt. Don Giovannis Not, seine verzweifelte Sucht nach Nähe werden nur angedeutet. Die Konflikte bleiben ein bisschen dünn, auch wenn die Kürze jede Langeweile vertreibt. Sei‘s drum.

Im Ganzen also eine charmante und witzige Inszenierung von Birgit Scherzer. Zwei spannende, amüsante und musikalisch beglückende Stunden gehen spielend schnell herum. Am Ende gibt es lang anhaltenden, begeisterten Applaus.

Sprühender Sex mit Augenzwinkern

Das Vorbild für Mozarts Don Giovanni ist der legendäre Liebhaber Casanova. Birgit Scherzers Inszenierung an der Hamburger Kammeroper ist daher eine Huldigung an den Sex.

Datum:
Ort:
Hamburger Kammeroper
Max-Brauer-Allee 76
22765   Hamburg
Telefon:
(040) 380 23 811
E-Mail:
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 25.02.2016 | 19:00 Uhr